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Geschichte der Rechtschreibung samt Reformen, bis 2001

Geschichte der Rechtschreibung samt Reformen, bis 2001


Quelle als PDF: decemsys.de/sonstig/gesch-rs.pdf

 




„Materialien zur (neuen) deutschen Orthographie

 

Michael Schneider, Universität Marburg

Geschichte der deutschen Orthographie
unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung seit 1994

 

8. Jh.

Erste erhaltene schriftliche Zeugnisse in deutscher Sprache. Grundlage für die Verschriftung des Deutschen ist das lateinische Alphabet. Probleme: Nicht für alle deutschen Laute stehen eigene Schriftzeichen zur Verfügung (z.B. Umlaute; Halbvokale [j], [w] – dafür ersatzweise I, U; J und W entwickeln sich erst später); für einige Laute stehen mehr Schriftzeichen zur Verfügung als notwendig (z.B. [k] – C, Q, K.

Es bilden sich lokale Schreibstubentraditionen aus.

 

um 1000

Notker von St. Gallen legt seiner Schreibung genaue phonetisch-phonologische Beobachtungen zugrunde (z.B. stimmhaft vs. stimmlos: alliu ding – einis tingis).

 

Hoch-MA

Allmähliche Entwicklung einer rudimentären Interpunktion: Punkte zur Kennzeichnung von Satz- und Vers-Enden.

 

ab 1300

Auftreten der Virgel [Virgel: Schrägstrich, Vorläufer des Kommas; von ital. virgula, Komma] (z.B. es ist gut pflugen / wenn der acker gereinigt ist).

Großbuchstaben markieren den Beginn von Absätzen, Strophen oder Versen, teilweise auch bereits den Satzanfang.

 

um 1450

Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg schafft die Voraussetzung für die weitere „Verschriftlichung“ des sprachlichen Lebens.  

 

15. Jh.

Erste Anweisungen zur korrekten Interpunktion von Niklas von Wyle, Heinrich Steinhöwel (Was die puncten bedüten vnd wie man darnoch lesen soll), Hans Nythart und Friedrich Riederer. Wegen ihrer Kompliziertheit werden die Anweisungen von den Druckern jedoch zumeist ignoriert.

 

16. Jh.

Allmähliche Herausbildung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache auf obersächsisch-meißnischer Grundlage, gefördert u.a. durch die Schriften Luthers. • Die Orthographie zeigt im Vergleich zu heute eine beträchtliche Varianz (z.B. geben vs. gebenn [fakultativ], vnnd vs. hunt [kombinatorisch: initial vs. medial], Thor, Thür, thun [wortgebunden: ⟨th⟩ vor Vokal]; bei Luther 14 verschiedene Schreibweisen für Wittenberg). • Tendenz zur Buchstabenhäufung (z.B. Hellffershellffer, Czeytt), gegen die Niklaus Ziegler, Kanzler unter Maximilian I., zu Felde zieht. • Erste Ansätze zur graphischen Unterscheidung von Homophonen (z.B. Mohr vs. Moor).Umlaute erhalten endgültig eigene Zeichen (Vokal mit darübergestelltem kleinem e; später ⟨ä, ö, ü⟩ . • Der Punkt setzt sich als Satzschlusszeichen durch, ebenso Großbuchstaben am Satzanfang.

Luther markiert Vokallänge durch ⟨h⟩ (yhm) oder ⟨e⟩ (viel) und Vokalkürze durch nachfolgenden Doppelkonsonanten (gott). Großbuchstaben dienen noch v.a. der Hervorhebung (Satzanfänge, Eigennamen, wichtige Substantive, aber auch Wörter anderer Wortarten); schon in der Bibelausgabe von 1542 sind 80 % aller Substantive großgeschrieben. Differenzierte Interpunktion: Punkt, Komma, Virgel, Doppelvirgel, Doppelpunkt (seit dem 15. Jh. nach Abkürzungen üblich), Fragezeichen, Ausrufezeichen, Semikolon. Satzzeichen werden vorrangig nach der Betonung gesetzt.

Die ersten Orthographie- und Interpunktionsregelbücher für den Schulunterricht erscheinen: der anonyme Schryfftspiegel (1527) • Johannes Kolross: Enchiridion: handbüchlin Tütscher Orthography (1529/30) • Valentin Ickelsamer: Teütsche Grammatica (1531) • Ortolf Fuchsberger: Leeskonst (1542) • Sebastian Helber: Teutsches Syllabierbüchlein (1593).

Der Schryfftspiegel und Kolross fordern die Großschreibung von Eigennamen – teils aus ästhetischen Gründen, teils als Ausdruck der Ehrerbietung (GOTT, HERR). Die generelle Großschreibung der Substantive wird – offenbar ohne Beteiligung der Grammatiker und Schulleute – von den Druckern eingeführt und durchgesetzt.

 

17. Jh.

Weitere Orthographiebücher und Grammatiken: Heinrich Caninius: Orthographica Germanica (1604; Betonung des etymologischen Prinzips) • Johann Rudolf Sattler: Teutsche Orthographey und Phraseologey (1607; Betonung des Usus Scribendi) • Johann Werner: Manuductio Orthographia (1629) • Tilmann Olearius: Deutsche Sprachkunst (1630; Betonung des phonologischen Prinzips) • Christian Gueintz: Deutscher Sprachlehre Entwurf (1641) • Justus Georg Schottel: Teutsche Sprachkunst (1641, ²1651; Ablehnung des phonologischen Prinzips wegen der mundartlichen Zersplitterung, Betonung des etymologischen und des morphologischen Prinzips) • Christian Gueintz: Die Deutsche Rechtschreibung (1645; Antwort auf Schottel, nennt als orthographische Prinzipien 1. Etymologie, 2. Aussprache, 3. Usus Scribendi) • Georg Philipp Harsdörffer: Poetischer Trichter (1647; Ablehnung des phonologischen Prinzips, Unterscheidungsschreibung das/daß) • Johann Girbert: Deutsche Orthographie (1650; nur Homonymenverzeichnis ohne Regelteil); Deutsche Grammatica (1653; Substantivgroßschreibung erstmals explizit als Regel formuliert) • Philipp von Zesen: Deutscher Helikon (1656; Propagierung des Meißnischen) • Johann Bellin: Hochdeutsche Rechtschreibung (1657) • Justus Georg Schottel: Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt-Sprache (1663) • Kaspar Stieler: Kurze Lehrschrift zur hochdeutschen Sprachkunst (1687) • Johann Ludwig Prasch: Sprachkunst (1687; Anhänger Schottels) • Johann Bödiker: Grundsätze der deutschen Sprachen (1690).

 

1722

Hieronymus Freyer: Anweisung zur teutschen Orthographie. Klar strukturiert und umfassend, einflussreichstes Deutsch-Schulbuch in der ersten Hälfte des 18. Jh.s. Formuliert folgende orthographische Prinzipien:

(1) „Pronuntiation“ (= phonologisches Prinzip): Alle gesprochenen Laute sind zu schreiben (Ewigkeit statt Ewikeit); nicht gesprochene Laute sind nicht zu schreiben (warum statt warumb); Laute sind so zu schreiben, wie sie gesprochen werden (Geburt statt Gepurt)

(2) „Derivation“ (= morphologisches Prinzip): Erhalt der Stammschreibung bei Flexion, Komposition usw. (färben statt ferben wegen Farbe, Leumund statt Läymund wegen verleumden)

(3) „Analogie“: Ähnliche Wörter sind einheitlich zu schreiben (Gewinst statt Gewinnst wegen Brunst, Partey statt Parthey wegen Abtey)

(4) „Usus scribendi“: allgemeiner Schreibgebrauch, sofern dieser nicht gegen die anderen drei Prinzipien verstößt (zwey statt zwei, Fall statt Fal)

Weitere Regeln: Majuskelgebrauch beruht nur auf dem Usus; ausführliche Darstellung der Interpunktion (Komma setzt sich endgültig gegen Virgel durch); Worttrennung nach Sprechsilben.

 

1748

Johann Christoph Gottsched: Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst. Bemüht sich um eine einheitliche deutsche Hochsprache; beseitigt orthographischen Ballast wie z.B. ⟨ck⟩, ⟨ff⟩, ⟨tz⟩ nach Konsonant, befürwortet energisch die Substantivgroßschreibung. Auf ihn geht auch die im 20. Jahrhundert übliche Verteilung von ⟨ss⟩ und ⟨ß⟩ zurück.

 

1782

Johann Christoph Adelung: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache (ausführliche Schulgrammatik).

 

1788

Johann Christoph Adelung: Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie. Behandelt Laut-Buchstaben-Zuordnung, Groß- und Kleinschreibung (verbindliche Substantivgroßschreibung), Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennung und Zeichensetzung. Misst dem Usus Scribendi große Bedeutung bei; Begründungen oft subjektiv („angenehme“ und „unangenehme“ Schreibungen). Schreibt den bis dahin erreichten Stand der Normierungsbemühungen endgültig fest. Großer Einfluss, u.a. auf Wieland und Goethe. Eine völlige Vereinheitlichung und verbindliche Normung der Schreibgewohnheiten wird jedoch noch nicht erreicht (wol vs. wohl, beyde vs. beide, Ereigniß vs. Ereignis, Morgens vs. morgens, statt finden vs. stattfinden usw.).

 

1814

Johann Christian August Heyse: Theoretisch-praktische deutsche Grammatik oder Lehrbuch zum reinen und richtigen Sprechen, Lesen und Schreiben der deutschen Sprache (schulgrammatische Tradition). Primat der gesprochenen Sprache; gesprochene und geschriebene Sprache werden in wechselseitiger Beeinflussung gesehen. „Allgemeine Regeln“ der Schreibung: Aussprache, Abstammung, Sprachgebrauch. Ziel ist nicht Reform, sondern Ordnung, Begründung und didaktische Aufbereitung des Bestehenden.

 

1829

Karl Ferdinand Becker: Deutsche Grammatik (schulgrammatische Tradition). Ebenfalls Primat der gesprochenen Sprache; geschriebene Sprache wird lediglich als Verschriftlichung des Gesprochenen gesehen. „Allgemeine Gesetze“ der Schreibung wie bei Heyse; hierarchisch gegliedert (z.B. bei unklaren Abstammungsverhältnissen Vorrang der Aussprache, daher behende statt behände, Ermel statt Ärmel). Beckers Satzgliedlehre bildet die Grundlage der heutigen Schulgrammatik.

 

1844

Ein Gutachten im Königreich Sachsen empfiehlt, sich von amtlicher Seite nicht in den Schreibgebrauch einzumischen.

 

1849

In einem Organisationsentwurf für die österreichischen Realschulen und Gymnasien (Autor: H.B. Bonitz) wird empfohlen, dass sich die Lehrer einer Anstalt auf eine gemeinsame Orthographie (möglichst die des Lesebuchs) einigen.

 

1854

Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Band 1. In der Vorrede erläutert Jacob Grimm seine bereits in früheren Veröffentlichungen (Deutsche Grammatik, ²1822; Über das pedantische in der deutschen sprache, 1847; Brief an die berühmte Weidmannsche Buchhandlung, 1849) dargelegten orthographischen Prinzipien ausführlich. Er sieht die bestehende Orthographie als Ausdruck des Sprachverfalls seit dem Mittelhochdeutschen und strebt eine einfache, theoretisch in sich geschlossene, von regionaler Aussprache unabhängige Neuregelung auf der Basis der alten, klaren

(mhd.) Gesetze an. Dazu gehören u.a.:

(1) Vereinheitlichung der Längenkennzeichnung (⟨h⟩ und ⟨ie⟩ nur noch dort, wo historisch richtig [weh, aber han, war; ziehen, aber gibt, vil]; Verdopplung nur bei alter Länge [haar, aber her, mer])

(2) Konsonantenverdopplung konsequent zur Kennzeichnung historischer Kürze (mitte, sitte), nur im Auslaut und vor ⟨t⟩ wie im Mhd. (man, sol, konte)

(3) Abschaffung des ⟨th⟩ (tal, tun statt thal, thun)

(4) ⟨sz⟩ nach Langvokal, ⟨ss⟩ nach Kurzvokal

(5) keine graphische Differenzierung gleichlautender Wörter, wenn nicht historisch begründet (sein/seyn, wieder/wider, war/wahr)

(6) Substantivkleinschreibung

Mitstreiter Grimms: Karl Weinhold („Ueber deutsche Rechtschreibung“, in: Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 1852; fordert eine Schreibung, wie sie einer geradlinigen, idealisierten Weiterentwicklung des Nhd. entsprechen würde).

Wegen ihrer Radikalität dringen die Vorschläge der „historischen Richtung“ kaum über wissenschaftliche Kreise hinaus.

Im Königreich Hannover verabschiedet eine Rechtschreibkonferenz eine für alle Schulen des Landes gültige (am Schreibgebrauch orientierte) Orthographie.

 

1855

Rudolf von Raumer: „Ueber deutsche Rechtschreibung“ (in: Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien). Entwickelt die theoretischen Grundpositionen der „phonetischen Richtung“: „Bringe deine Schrift und deine Aussprache in Übereinstimmung!“ Allerdings keine radikale, sondern pragmatische, ausgleichende Argumentation; Hauptziel ist die orthographische Vereinheitlichung – wenn nötig, auch auf Kosten der linguistischen Konsequenz. Einige Vorschläge:

(1) Vereinheitlichung der Dehnungszeichen (Jaar, Haar)

(2) Abschaffung von ⟨dt⟩ (Brot statt Brodt)

(3) Ersetzung von ⟨c⟩ durch ⟨k⟩ und ⟨z⟩ (Kasse, Zentner statt Casse, Centner)

 

1856

Daniel Sanders: Katechismus der Orthographie. Geht von der tatsächlichen Sprachentwicklung aus, nicht von einer hypothetischen, idealisierten. Ansatzpunkt sind Schwankungen in der herrschenden Orthographie, die es nach Prinzipien zu regeln gelte. Traditionalist mit dem obersten Prinzip Einheitlichkeit.

 

1858

Im Kurfürstentum Hessen wird das Regelverzeichnis des Oberschulinspektors H.E. Bezzenberger verbindlich gemacht.

 

1861

In Württemberg wird ein am Schreibgebrauch orientiertes Rechtschreibbuch für die Schulen verbindlich („Regeln und Wörterverzeichniß für die deutsche Rechtschreibung, zum Gebrauch in den württembergischen Schulen“).

 

1862

Dezember: Der preußische Kultusminister verfügt, dass in Preußen innerhalb einer Schule einheitlich zu schreiben sei. Bei dem Germanisten Karl Müllenhoff wird ein (am Schreibgebrauch orientiertes) Regelwerk in Auftrag gegeben, das dann aber nicht eingeführt wird.

 

1869

Wegen der ständigen Klagen über die orthographische Uneinheitlichkeit der Lesebücher findet in Österreich eine orthographische Konferenz statt, deren Grundsätze (basierend auf Raumer) im Österreichischen Schulboten veröffentlicht werden. Sie setzen sich jedoch nicht durch.

 

1871

Der Berliner Verein der Gymnasial- und Realschullehrer legt ein Regel- und Wörterverzeichnis vor (Berliner Regelbuch), das schon kurz nach seinem Erscheinen den Schulen als Grundlage für die gewünschte Einigung der Lehrerkollegien empfohlen wird. Mitarbeiter sind u.a. Wilhelm Wilmanns und H.B. Bonitz.

 

1872

Konrad Duden: Die deutsche Rechtschreibung. Abhandlung, Regeln und Wörterverzeichniß mit etymologischen Angaben. Für die oberen Klassen höherer Lehranstalten und zur Selbstbelehrung für Gebildete. Klar gegliederte, leicht verständliche, praxisbezogene Programmschrift. Zielt auf Vereinfachung, Verbesserung und größere Prinzipientreue.

Dominierendes Prinzip ist das phonologische, daneben kommen das etymologische (z.B. ⟨e⟩ vs. ⟨ä⟩ und das bedeutungsunterscheidende Prinzip (z.B. Waagen vs. Wagen) zur Geltung. Plädiert für Kleinschreibung und Fremdworteindeutschung.

Oktober: Eine Reichsschulkonferenz bittet den preußischen Kultusminister Adalbert von Falk, den Germanisten Rudolf von Raumer mit der Erarbeitung einer Vorlage für eine einheitliche Schulorthographie zu beauftragen.

 

1873/74

Daniel Sanders: Vorschläge zur Feststellung einer einheitlichen Rechtschreibung für Altdeutschland. Erhält breite Zustimmung in Schulkreisen und in der Presse.

 

1875

Daniel Sanders: Orthographisches Wörterbuch oder alphabetisches Verzeichnis aller deutschen oder im Deutschen eingebürgerten Wörter mit schwieriger oder fraglicher Schreibweise in endgültiger Feststellung und Orthographisches Schulwörterbuch.

 

1876

4. bis 15. Januar: „Konferenz zur Herstellung größerer Einigung auf dem Gebiet der deutschen Orthographie“ in Berlin (I. Orthographische Konferenz). Teilnehmer: u.a. Raumer, Sanders, Duden, Wilmanns, der Germanist Wilhelm Scherer, die preußischen Schulräte Klix und Höpfner und Vertreter des graphischen Gewerbes. Leitung: H.B. Bonitz. Vorlage für die Konferenz: Rudolf von Raumers Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Orthographie. Über die Regelungen und Einzelwortschreibungen wird per Mehrheitsbeschluss abgestimmt, wobei die Gruppe um Raumer die Partei der Traditionalisten (u.a. Sanders, Scherer) stets überstimmt. Beschlüsse u.a.:

(1) Systematisierung der Vokallängenkennzeichnung: Nur noch bei ⟨e⟩ und ⟨i⟩ soll die Vokallänge in gewohnter Weise gekennzeichnet werden, da nur diese haupt- und nebenbetont vorkommen; bei den übrigen Vokalen treten Dehnungs-⟨h⟩ und Buchstabenverdopplung nur noch zur Bedeutungsunterscheidung auf (z.B. Boote vs. Bote, Ruhm vs. Rum; dagegen Fane, Han, Bone, Höle, Hun)

(2) Ersetzung von ⟨th⟩ durch ⟨t⟩

(3) Beseitigung von Schreibvarianten (z.B. wieder/wider, todt/tot, samt/sammt, giebt/gibt)

(4) vermehrte Fremdworteindeutschung, besonders Ersetzung von ⟨c⟩ durch ⟨k⟩ und ⟨z⟩ (z.B. Kasse, Kultur, Zelle, Zirkel)

(5) „Heysesche“ s-Regelung: ⟨ss⟩ nach Kurzvokal (z.B. Fass, Fässer), ⟨ß⟩ nach Langvokal oder Diphthong (z.B. Fuß, Füße, heiß)

(6) Trennbarkeit von ⟨pf⟩, ⟨st⟩, ⟨tz⟩

Noch während der Konferenz setzt eine intensive Pressekampagne gegen die Beschlüsse ein, zu denen später auch Sanders und Scherer mit Artikeln beitragen. Es dominieren emotionale Urteile.

8. März: Der preußische Kultusminister von Falk teilt allen Bundesregierungen brieflich mit, dass die Beschlüsse der I. Orthographischen Konferenz nicht umgesetzt werden.

 

1877

Das Ergebnis der I. Orthographischen Konferenz erscheint als Regel- und Wörterverzeichnis im Druck. • J.E. Haselmayer veröffentlicht ein darauf basierendes Schulwörterbuch.

 

1879

21. September: In Bayern wird per ministerieller Verfügung das auf der Konferenzvorlage Raumers und dem Berliner Regelbuch basierende Werk Regeln und Wörterverzeichniß für die deutsche Rechtschreibung zum Gebrauch in den Schulen vorgeschrieben.

 

1880

21. Januar: In Preußen wird ein von Wilmanns erarbeitetes neues Regelwerk für den Schulunterricht verordnet. Es stimmt in weiten Teilen mit der bayerischen Schulorthographie überein (Ausnahmen z.B. Litteratur, meinesgleichen, Möwe, unstät, Wiederhall [Preußen], Literatur, meines gleichen, Möve, unstet, Widerhall [Bayern]). Von den Vorschlägen der I. Orthographischen Konferenz werden übernommen: Ersetzung von ⟨th⟩ durch ⟨t⟩ im In- und Auslaut, weitgehende Ersetzung von ⟨c⟩ durch ⟨k⟩ und ⟨z⟩ Trennung von ⟨st⟩. Nicht übernommen werden: Reduzierung der Vokallängenkennzeichnung, Ersetzung von ⟨th⟩ durch ⟨t⟩ im Anlaut, Heysesche s-Regelung.

Auch im Königreich Sachsen wird eine neue Orthographie amtlich verordnet.

Auf der Grundlage der bayerischen und preußischen Schulorthographie veröffentlicht Konrad Duden sein Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache mit 27.000 Stichwörtern. Er rückt darin um der Einheitlichkeit willen von einigen seiner früheren (weitergehenden) Vorstellungen ab. Bis 1900 erreicht das Werk sechs Auflagen.

 

1881

Konrad Duden: Orthographischer Wegweiser für das praktische Leben. Besonders an die Drucker gerichtet, vereinheitlicht die im Vollständigen Orthographischen Wörterbuch

noch zur Wahl gestellten Varianten.

 

bis 1883

Weitere 15 deutsche Bundesstaaten führen eigene oder übernommene, weithin jedoch übereinstimmende Regelbücher ein.

 

ab 1890

Die preußische Schulorthographie setzt sich allmählich auch im Druckgewerbe durch.

 

1892

Dudens Vollständiges Orthographisches Wörterbuch wird in der Schweiz auf Beschluss der Kantonsregierungen amtlich eingeführt.

 

1900

30. Juni: Besprechung im preußischen Kultusministerium mit Duden und Wilmanns.

Es wird empfohlen, die Schulorthographie als Grundlage einer einheitlichen Rechtschreibung zu betrachten.

 

1901

März: Orthographische Konferenz in Wien. Hofrat Huemer wird beauftragt, als Beobachter zur anberaumten II. Orthographischen Konferenz nach Berlin zu reisen.

17. bis 19. Juni: II. Orthographische Konferenz in Berlin „betreffend Erzielung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung“. Im Gegensatz zur Konferenz von 1876 handelt es sich nicht um eine Expertenkonferenz, sondern um eine Konferenz von Behördenvertretern. Teilnehmer u.a.: Duden, Wilmanns, Abgesandte der deutschen Staaten, des Reichsinnen- und -außenministeriums und des Buchhandels. Es gibt keine fachlichen Diskussionen mehr, sondern es wird relativ zügig über alle noch strittigen Punkte abgestimmt. Ergebnis ist ein verbindliches amtliches Regelwerk, das jedoch gegenüber den Vorschlägen von 1876 einen Rückschritt darstellt; so werden folgende Uneinheitlichkeiten beibehalten:

(1) Silbentrennung bei ⟨sp, pf, tz⟩ erlaubt, nicht jedoch bei ⟨st⟩

(2) Beibehaltung der verschiedenen Möglichkeiten der Vokallängenkennzeichnung

(3) Ablehnung der Heyseschen s-Regelung (die in Österreich bereits praktiziert worden war)

(4) keine systematische Regelung der Fremdwortschreibung, der Groß- und Kleinschreibung und der Getrennt- und Zusammenschreibung; in diesen Bereichen nur Einzelfallfestlegungen

(5) keine Ersetzung von ⟨ph, rh, th⟩ durch ⟨f, r, t⟩

(6) keine Regelung der Zeichensetzung

Dagegen kommt es u.a. zu folgenden Neuregelungen:

(1) generelle Ersetzung des ⟨th⟩ durch ⟨t⟩ in deutschen Wörtern

(2) weitere Ersetzung von ⟨c⟩ durch ⟨k⟩ und ⟨z⟩ in assimilierten Fremdwörtern

(3) Einzelregelungen wie gieb > gib, Epheu > Efeu

Das Ziel der Vereinheitlichung der deutschen Orthographie wird damit erreicht, nicht jedoch das Ziel der Vereinfachung. ////////////////////////////

 

1902

Das Ergebnis der II. Orthographischen Konferenz erscheint im Druck (Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis. Neue Bearbeitung).

24. Februar: Das neue Regelwerk wird in Österreich für alle Schulen ab dem Schuljahr 1902/03 verbindlich vorgeschrieben.

18. Juli: Auch in der Schweiz wird das neue Regelwerk für den Schulunterricht und den amtlichen Gebrauch eingeführt.

18. Dezember: Der Bundesrat des Deutschen Reiches beschließt die Einführung des neuen Regelwerks ab 1903.

Dudens Rechtschreibwörterbuch erscheint in siebter, im Lichte des amtlichen Regelwerks neu bearbeiteter Auflage. Beispiele für noch verbliebene Varianten: Accent vs. Akzent, Civilist vs. Zivilist, Chicane vs. Schikane, im stande vs. imstande, in stand setzen vs. instandsetzen.

Oscar Brenner verlangt in der Schrift Die lautlichen und geschichtlichen Grundlagen unserer Rechtschreibung eine Orthographiereform unter stärkerer Beachtung des phonetischen Prinzips (ein Laut – ein Buchstabe, einheitliche Längenkennzeichnung usw.).

 

1903

1. Januar: Die neue Orthographie wird in den Behörden des Deutschen Reiches eingeführt.

1. April: Die neue Orthographie wird in den deutschen Schulen eingeführt.

Konrad Duden veröffentlicht auf Wunsch des graphischen Gewerbes, dem die relativ allgemein gehaltene amtliche Regelung zu viele Varianten gelten ließ, die Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache, kurz „Buchdrucker-Duden“ genannt.

Darin legt er sich in den meisten Fällen auf eine einheitliche Schreibung fest (Beispiele: Akzent, Zivilist, Schikane, imstande, instand setzen, in bezug auf; dagegen noch variabel: Hilfe vs. Hülfe, Comptoir vs. Kontor). Das Buchdruckerwörterbuch versetzt Duden in die Lage, einige seiner in der amtlichen Regelung nicht berücksichtigten Vorstellungen doch noch zu verwirklichen. //////ZUM BEISPIEL?? ////////////////

 

1907

Die 2. Auflage des „Buchdrucker-Dudens“ erscheint. Bei den Varianten wird jetzt deutlicher zwischen „gelehrten“ Formen und Formen des allgemeinen Sprachgebrauchs unterschieden. Einige Varianten werden abgeschafft (z.B. nur noch Hilfe, Kontor).

 

1912

Oskar Kosog veröffentlicht die Schrift Unsere Rechtschreibung und die Notwendigkeit ihrer gründlichen Reform, in der er u.a. auf Spitzfindigkeiten und Inkonsequenzen im Bereich der Groß- und Kleinschreibung hinweist und eine empirische Untersuchung dazu vorstellt („Kosogsches Diktat“).

 

1915

Nach Dudens Tod (1911) werden sein Orthographisches Wörterbuch und der „Buchdrucker-Duden“ zu einem Werk vereinigt (Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter, 9. Auflage), wobei die über das amtliche Regelwerk hinausgehenden Schreibvorschriften (darunter die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung und zur Zeichensetzung) übernommen werden. Fortan wird die deutsche Rechtschreibung vom Bibliographischen Institut (später Dudenverlag) „ausdifferenziert“.

 

1920

27. Januar: Eine Kommission des Reichsschulausschusses plädiert für eine „gründliche phonetische Reform“ der Rechtschreibung. Gefordert wird u.a.: Abschaffung der Dehnungszeichen (außer zur Homophondifferenzierung), eindeutige Laut-Buchstaben-Zuordnungen (einheitlich ⟨ei⟩ für [ai], ⟨k⟩ für [k], ⟨z⟩ für [ts], ⟨x⟩ für [ks], ⟨f⟩ für [f], also Keiser, Karakter, Pazient, Eidexe, Fater), Abschaffung der Substantivgroßschreibung.

Mai: Der Buchhändlerische Frakturbund, der Deutsche Buchdrucker-Verein, der Deutsche Buchgewerbeverein, der Deutsche Verlegerverein, der Deutsche Verein für Buchwesen und Schrifttum und die Vereinigung der Schulbuchverleger lehnen in einer Erklärung jede Veränderung der Rechtschreibung ab.

 

1921

8. April: Ein Sachverständigenausschuss beim deutschen Innenministerium legt Vorschläge zur Vereinfachung der Rechtschreibung in Form von „Mindestforderungen“ vor (u.a. Bereinigungen innerhalb der Groß- und Kleinschreibung, Bereinigung der Vokallängenkennzeichnung [im Grunde die 1876er Regelung], Ersetzung von ⟨ai⟩ durch ⟨ei⟩, ⟨x⟩ durch ⟨ks⟩, ⟨y⟩ durch ⟨i⟩ in volkstümlich gewordenen Lehnwörtern, Vereinfachung der Silbentrennung). In der Öffentlichkeit stoßen diese Vorschläge jedoch auf Protest.

Juni: Der Reichsschulausschuss beschließt, die Reform der deutschen Rechtschreibung erst nach Besserung der Lage in Deutschland und nach Abschluss der Neuordnung des Schulwesens durchzuführen.

 

1924

In Olten (Schweiz) wird der Bund für vereinfachte rechtschreibung gegründet, der als „Minimalprogramm“ die generelle Kleinschreibung außer bei Eigennamen und Satzanfängen fordert. Er ist der älteste noch aktive Reformverein im deutschen Sprachraum.

 

1927

Juli: Auf Anregung des Gesamtverbandes des Deutschen Waagenbaues erklärt das Reichsinnenministerium die (ältere) Schreibung Waage für amtlich.

 

1929

Die 10. Auflage des Duden erscheint erstmals unter dem Titel Der Große Duden.

In Berlin wird zur Belebung des Reformgedankens der „Rechtschreibbund“ gegründet.

 

1931

Mai: Der Leipziger Lehrerverein veröffentlicht einen Reformplan mit dem Titel vereinfacht die rechtschreibung! Er enthält als radikalste Forderungen:

– vollständige Kleinschreibung,

– Wegfall aller Vokalquantitätsbezeichnungen (Dehnung und Kürzung),

– Ersetzung von

    – von ⟨v⟩ durch ⟨f⟩,

    – von ⟨ß⟩ durch ⟨s⟩,

    – von ⟨x/chs⟩ durch ⟨ks⟩,

    – von ⟨qu⟩ durch ⟨kw⟩,

    – von ⟨ä⟩ durch ⟨e⟩,

    – von ⟨äu/eu⟩ durch ⟨oi⟩,

    – von ⟨ei⟩ durch ⟨ai⟩,

    – von ⟨z⟩ durch ⟨ts⟩,

    – von ⟨sch⟩ durch ⟨LANGES-S-LAUTSCHRIFT⟩,

    – von ⟨ng⟩ durch ⟨NG-LAUTSCHRIFT⟩

    – Trennung am Zeilenende, wie es der Raum verlangt.

Ende August: Der Bildungsverband der deutschen Buchdrucker verabschiedet das „Erfurter Rechtschreibungsprogramm“. Darin wird u.a. gefordert:

– Abschaffung der Substantivgroßschreibung,

– Beseitigung aller Doppelformen,

– Vorrang der Getrenntschreibung vor der Zusammenschreibung,

– Eindeutschung von Fremd- und Lehnwörtern,

– Abschaffung der Dehnungszeichen außer bei Homophonen,

– Trennung nach Sprechsilben.

 

1932

Der Schweizer Bundesrat nimmt Kontakt mit den Regierungen Deutschlands und Österreichs auf, um einer Vereinfachung der Rechtschreibung näherzukommen. Die deutsche Regierung bezeichnet die Verwirklichung des Vorhabens als noch in weiter Ferne liegend und lehnt die Einberufung einer Konferenz ab. Österreich ist zwar bereit, die Bestrebungen zu fördern, will jedoch nicht den ersten Schritt tun.

 

1934

Die 11. Auflage des Duden erscheint. Sie ist durch die Aufnahme zahlreicher nationalsozialistischer Wörter geprägt. • Die Duden-Redaktion gibt außerdem in Verbindung mit der „Reichsleitung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes“ ein Reichsschulwörterbuch der deutschen Rechtschreibung heraus.

 

1936

Der „Bund für vereinfachte rechtschreibung“ erweitert sein Minimalprogramm um die Ersetzung von ⟨th⟩ und ⟨ph⟩ durch ⟨t⟩ und ⟨f⟩.

 

1941

Die 12. Auflage des Duden erscheint.

14. September: In der Zeitschrift Das Reich fordert Fritz Rahn eine Reform der deutschen Rechtschreibung „in nationalsozialistischem Geiste“. Neben der

– Abschaffung der Substantivgroßschreibung sollen

– ⟨q, v, x, y⟩ in deutschen Wörtern nicht mehr verwendet werden und

– Dehnungszeichen bis auf ⟨ie⟩ entfallen (also z.B. folk, kwelle, hekse, gefar, mos, mer).

Oktober: Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, reicht beim Reichsinnenministerium Vorschläge für eine radikale Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung ein, die jedoch als „nicht kriegswichtig“ abgelehnt werden:

– Abschaffung der Substantivgroßschreibung,

– sämtlicher Dehnungszeichen und

– des ⟨ß⟩,

– Ersetzung

    – von ⟨v⟩ durch ⟨f⟩,

    – von ⟨ai⟩ durch ⟨ei⟩,

    – von ⟨äu⟩ durch ⟨eu⟩

    – von ⟨x, chs, cks⟩ durch ⟨ks⟩,

    – von ⟨qu⟩ durch ⟨kw⟩,

– konsequente Fremdworteindeutschung [z.B. Karakter, Schossee, Tema, Fosfor, Zilinder, Idülle, Nazion, Skitze, Packet],

– Worttrennung grundsätzlich nach Sprechsilben,

– kein Komma zwischen mit und oder oder verbundenen Hauptsätzen.

 

1944

Erziehungsminister Rust veranlasst ohne Absprache mit dem Reichsinnenministerium eine Neuveröffentlichung des Regelwerks von 1902 mit verschiedenen Änderungen:

(1) weitgehende Fremdworteindeutschung: generelle Ersetzung von ⟨ph, th, rh⟩ durch ⟨f, t, r⟩ (z.B. Filosof, Fosfor, Teater, Tese, Rabarber, rytmisch); Ersetzung von ⟨-eur⟩ durch ⟨-ör⟩ (z.B. Frisör, Schofför); Einzelwortschreibungen wie Biskwit, Kautsch, Majonnäse, Miliö, Ragu, Tambur, Terrän, Träner, Tur

(2) Ausweitung der Drei-Konsonanten-Regel auch auf Fälle, in denen ein weiterer Konsonant folgt (z.B. Blattrichter, stickstoffrei; aber bei Worttrennung weiterhin: Schiff- fahrt)

(3) vermehrte Getrenntschreibung (z.B. Rad fahren),

(4) liberalisierte Groß- und Kleinschreibung,

(5) liberalisierte Kommasetzung (z.B. kein Komma zwischen mit und oder oder verbundenen Hauptsätzen, Kommasetzung nach rhetorischen Kriterien möglich)

(6) Worttrennung grundsätzlich nach Sprechsilben (z.B. wa- rum, Fens- ter)

24. August: Hitler, der von dieser Reform erst durch die Zeitung erfahren hat, ordnet die Zurückstellung der gesamten Rechtschreibungsarbeiten bis Kriegsende an, da sie „alles andere als kriegswichtig“ seien. Der größte Teil der bereits gedruckten Auflage der Regelbücher (1 Mio. Exemplare) wird daraufhin eingestampft. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wird die „Rustsche Reform“ nicht mehr aufgegriffen.

 

1946

17. April:

In der sowjetischen Besatzungszone erscheinen Vorschläge des Vorausschusses zur Bearbeitung der Frage der Rechtschreibreform bei der Deutschen Verwaltung für Volksbildung. Vorgeschlagen wird u.a.

– die „gemäßigte Kleinschreibung“,

– die Einheitsschreibung das und die Ersetzung

    – von ⟨v⟩ durch ⟨f⟩ bzw. ⟨w⟩,

    – von ⟨chs/x⟩ durch ⟨ks⟩,

    – von ⟨qu⟩ durch ⟨kw⟩,

    – von ⟨ph, th, rh⟩ durch ⟨f, t, r⟩,

    – von ⟨y⟩ durch ⟨i⟩ bzw. ⟨ü⟩,

    – von ⟨ck⟩ durch ⟨kk⟩,

    – von ⟨tz⟩ zu ⟨zz⟩,

    – von ⟨ai⟩ durch ⟨ei⟩   und

    – von ⟨äu⟩ durch ⟨eu⟩.

Die Vorschläge sollen auf einer gesamtdeutschen Konferenz diskutiert werden, zu der es jedoch nicht kommt.

Frühjahr: Der Schweizer Bund für vereinfachte rechtschreibung veröffentlicht den Reformplan Die erneuerung der deutschen rechtschreibung. Er enthält u.a. die Forderung nach

– „gemäßigter Kleinschreibung“,

– Wegfall der Dehnungszeichen,

– Kennzeichnung der Vokalkürze durch Doppelkonsonantenschreibung,

– Abschaffung von ⟨ph, th, rh, chs, dt, qu, ß, v, y, ai⟩ und

– Ersetzung von ⟨-tion⟩ durch ⟨-zion⟩.

 

1946–49

In der Zeitschrift für Phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft erscheinen mehrere Vorschläge zur Rechtschreibreform.

 

1947

Die Gewerkschaft der Lehrer und Erzieher, Kreis Leipzig, tritt mit Reformvorschlägen unter dem Titel ist eine reform unserer rechtschreibung notwendig? an die Öffentlichkeit (u.a.

– absolute Kleinschreibung,

– Ersetzung von ⟨ß⟩ durch ⟨ss⟩.

Das Bibliographische Institut in Leipzig gibt die erste Nachkriegsauflage des Duden heraus (13. Auflage).

 

1948

Dezember: Eine westdeutsche Lizenzausgabe des Duden erscheint beim Franz Steiner Verlag Wiesbaden.

 

1950

27./28. Oktober: Die westdeutsche Kultusministerkonferenz beschließt, einen Ausschuss zur Vereinheitlichung und Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung einzusetzen. Bis dahin sollen die Schreibweisen des Duden „in Zweifelsfällen … richtunggebend“ sein.

 

1951

In Österreich gilt ab sofort das Österreichische Wörterbuch als amtliches Regelwerk.

Der Duden erscheint in Leipzig in 14. Auflage. Wegen der Aufnahme DDR-typischer Stichwörter (z.B. Arbeiter- und Bauernfakultät, Volksdemokratie) und der Polemik gegen die „Imperialisten“ im Vorwort wird in der BRD die Herausgabe einer eigenen westdeutschen Ausgabe ins Auge gefasst.

 

1952

Das amtliche Regelwerk von 1901 wird zum letzten Mal offiziell nachgedruckt.

 

1953

Veröffentlichung der Reformpläne der arbeitsgemeinschaft neue rechtschreibung (Stuttgart) und des Lehrerverbandes Niedersachsen.

 

1954

April: Im Bertelsmann-Verlag erscheint die von Lutz Mackensen im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache verfasste Deutsche Rechtschreibung. Bis November werden sieben Auflagen mit insgesamt 140.000 Exemplaren verkauft.

Juni: Die 1952 gegründete private Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege (bestehend aus Professoren, Lehrern, Beamten und Verlegern aus der BRD, der DDR, der Schweiz und Österreich) legt die „Stuttgarter Empfehlungen“ vor, die erstmals wieder eine breitere und intensivere Diskussion über die Rechtschreibung auslösen. Sie beinhalten zusammengefasst:

(1) Abschaffung der Substantivgroßschreibung

(2) Ersetzung von ⟨tz⟩ durch ⟨z⟩, ⟨ß⟩ durch ⟨ss⟩

(3) Beseitigung aller Doppelformen

(4) generelle Eindeutschung von Fremdwörtern, also u.a. Ersetzung von ⟨ph, th, rh⟩ durch ⟨f, t, r⟩, ⟨-tion⟩ durch ⟨-zion⟩, ⟨eau⟩ durch ⟨o⟩, ⟨u⟩ (frz.) durch ⟨ü⟩.

(5) Getrenntschreibung vor Zusammenschreibung

(6) Worttrennung ausnahmslos nach Sprechsilben, also s-t, aber nicht ck

(7) Vereinfachung der Zeichensetzung

Gegen diese Vorschläge erheben sich heftige Proteste seitens der Presse, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und einzelner namhafter Schriftsteller wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt. Von den Kultusministern werden die Stuttgarter Empfehlungen daher nicht aufgegriffen.

September: Das Bibliographische Institut in Mannheim gibt eine westdeutsche Neubearbeitung des Duden heraus (14. Auflage, Mannheim), in der die noch vorhandenen Doppelformen der 13. Auflage weitgehend vereinheitlicht werden (z.B. nur noch zutage treten).

Ab jetzt erscheinen in der DDR und der BRD unabhängig voneinander Neuauflagen.

 

1955

27. Oktober: Da das Bertelsmann-Wörterbuch in mehr als 100 Fällen vom Duden abweicht (z.B. außer Acht lassen, im Klaren sein, in Bezug auf, Recht haben, Maschine schreiben), verlangt die Dudenredaktion von der Kultusministerkonferenz der BRD eine „erneute staatliche Stellungnahme“, um eine „rechtschreibliche Anarchie“ zu verhindern.

18./19. November: Die Kultusministerkonferenz fasst folgenden Beschluss: „Die in der Rechtschreibreform von 1901 und den späteren Verfügungen festgelegten Schreibweisen und Regeln für die Rechtschreibung sind auch heute noch verbindlich für die deutsche Rechtschreibung. Bis zu einer etwaigen Neuregelung sind diese Regeln die Grundlage für den Unterricht in allen Schulen. In Zweifelsfällen sind die im ‚Duden‘ gebrauchten Schreibweisen und Regeln verbindlich.“ Dieser Beschluss (der eigentlich nur für kurze Zeit bis zu einer Reform gelten sollte) geht als „Stillhaltebeschluss“ in die Rechtschreibgeschichte ein.

 

1956

Der Bundesinnenminister und die Kultusministerkonferenz setzen einen „Arbeitskreis für Rechtschreibregelung“ ein und beauftragen diesen, Vorschläge zur Rechtschreibreform zu erarbeiten (konstituierende Sitzung: 4. Mai).

 

1957

Die 15. Auflage des Leipziger Duden erhält einen ausführlichen Regelteil als „Leitfaden der deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung mit Hinweisen auf grammatische Schwierigkeiten“.

 

1958

17. Dezember: Der Arbeitskreis für Rechtschreibregelung legt die „Wiesbadener Empfehlungen“ vor. Ihre Punkte:

(1) Abschaffung der Substantivgroßschreibung

(2) Vereinfachung der Kommasetzung

(3) generelle Worttrennung nach Sprechsilben, also auch bei Fremdwörtern und

bei st

(4) Beseitigung der Doppelformen

(5) Eindeutschung von Fremdwörtern, insbesondere solchen griechischen Ursprungs (⟨ph, th, rh⟩ zu ⟨f, t, r⟩

(6) Favorisierung der Getrenntschreibung

Auch diese Vorschläge stoßen – vor allem wegen der beabsichtigten Einführung der Kleinschreibung – in der Öffentlichkeit auf Widerstand. • In der für Rechtschreibreformen aufgeschlosseneren DDR werden die Empfehlungen dagegen begrüßt.

 

1959

6./7. Februar: Da sich die Kultusminister von Baden-Württemberg und Bayern gegen die Wiesbadener Empfehlungen aussprechen, wird eine Entscheidung dieser Frage von der Kultusministerkonferenz vertagt.

In der DDR wird der Duden ebenfalls zum maßgebenden Rechtschreibwörterbuch erklärt.

 

1960

Januar: Im Einvernehmen mit dem österreichischen Unterrichtsministerium wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine „Kommission für die Orthographiereform“ gebildet.

 

1961

Der Mannheimer Duden erscheint in 15. Auflage.

 

1961/62

Die österreichische Kommission veröffentlicht zwei Stellungnahmen zur Reform der deutschen Orthographie. Sie enthalten:

(1) keine klare Entscheidung für oder gegen die Abschaffung der Substantivgroßschreibung aufgrund von auseinander gehenden Ansichten innerhalb der Kommission

(2) Zustimmung zu den Punkten (2), (3), (4) und (6) der Wiesbadener Empfehlungen

(3) begrenztere Vorstellungen zur Eindeutschung von Fremdwortschreibungen

(4) Heysesche s-Regelung (in alter österreichischer Tradition)

 

1963

20./21. August: Schweizerische Orthographiekonferenz in Zürich. Delegierte verschiedener Verbände lehnen die Wiesbadener Empfehlungen ab und legen eigene (erheblich konservativere) Vorschläge für eine Rechtschreibreform vor:

(1) praktisch keine Änderungen bei Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Kommasetzung und Worttrennung (außer s-t)

(2) Zustimmung zur Beseitigung von Doppelformen

(3) nur begrenzte Eindeutschung von Fremdwörtern

(4) keine Wiedereinführung des 1953 abgeschafften ⟨ß⟩ (nur für die Schweiz)

Da zwischen den deutschsprachigen Ländern keine Einigung über die Wiesbadener Empfehlungen erzielt werden kann, werden diese nicht umgesetzt.

 

1964

Das amtliche Regelwerk von 1901 erscheint als Faksimile in der „Sammlung Duden“ des Bibliographischen Instituts Mannheim.

 

1966

Der Leipziger Duden erscheint in 16. Auflage.

 

1967

Der Mannheimer Duden erscheint in 16. Auflage.

 

1969

9./10. Oktober: Die deutsche Kultusministerkonferenz bittet den Arbeitskreis für Rechtschreibregelung, bei den übrigen deutschsprachigen Staaten anzufragen, „ob dort jetzt eine Bereitschaft zu einer Reform der deutschen Rechtschreibung im Sinne der ‚Wiesbadener Empfehlungen‘ vorhanden ist.“

 

1971

22./27. März: Die „Österreichische gesellschaft für sprachpflege und rechtschreiberneuerung“ und der „Österreichische Sonnenbergkreis“ veranstalten in Wien ein Internationales Symposion zur Rechtschreibreform. In der Schlussresolution werden die „gemäßigte Kleinschreibung“, der Ersatz von ⟨ß⟩ durch ⟨ss⟩, die Worttrennung nach Sprechsilben und die allmähliche Fremdworteindeutschung gefordert.

 

1972

Mai: In Tuttlingen wird die „aktion kleinschreibung“ gegründet.

7. Juli: Die Fachschaft Deutsch der Pädagogischen Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen empfiehlt die Einführung der „gemäßigten Kleinschreibung“ in den Grundschulen.

 

1973

Der Mannheimer Duden erscheint in 17. Auflage mit einem um mehr als ein Viertel erweiterten Stichwortbestand.

Februar: Die Sektion 1 des Deutschen Germanistentages schließt sich der Empfehlung der Fachschaft Deutsch vom 7. Juli 1972 an und dehnt sie auf alle Schularten aus.

25. Mai: Die deutsche Kultusministerkonferenz spricht sich für eine baldige Rechtschreibreform auf der Basis der „Wiesbadener Empfehlungen“ aus und beauftragt ihren Präsidenten, im Einvernehmen mit dem Bundesinnenministerium die dazu nötigen Verhandlungen mit der DDR, Österreich und der Schweiz aufzunehmen.

5./6. Oktober: Auf dem vom PEN-Zentrum der BRD, dem Verband deutscher Schriftsteller und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft veranstalteten Kongress „vernünftiger schreiben“ in Frankfurt wird eine Resolution verabschiedet, die folgende Reformpunkte umfasst:

(1) Abschaffung der „reaktionären“ Substantivgroßschreibung

(2) Komma zur Kennzeichnung von „Denk- und Sprechschritten“

(3) Ersetzung von ⟨ß⟩ durch ⟨ss⟩ Einheitsschreibung das

(4) Ersetzung von ⟨ph, th, rh⟩ durch ⟨f, t, r⟩ in allgemein gebräuchlichen Fremdwörtern griechischen Ursprungs

(5) keine Normierung der Getrennt- und Zusammenschreibung

(6) Vereinfachung der Worttrennung

18./19. Oktober: Eine von der „Österreichischen gesellschaft für sprachpflege und rechtschreiberneuerung“ veranstaltete internationale Konferenz in Wien verabschiedet die „Wiener Empfehlungen“. Sie beinhalten:

(1) Abschaffung der Substantivgroßschreibung

(2) Worttrennung nach Sprechsilben, bei Fremdwörtern wahlweise nach Morphemen

(3) Kommasetzung nach rhythmischem Empfinden in Übereinstimmung mit der grammatischen Satzgliederung

(4) Ersetzung von ⟨ß⟩ durch ⟨ss⟩, möglicherweise Einheitsschreibung das

(5) Freigabe der Getrennt- und Zusammenschreibung in bestimmten Bereichen

(6) Eindeutschung von Fremdwortschreibungen von Fall zu Fall

23. November: In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt distanziert sich der baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn (CDU) von dem im Mai gefassten Beschluss der Kultusministerkonferenz und besteht auf der Beibehaltung der bisherigen Rechtschreibung.

 

1974

Am Zentralinstitut für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR wird die „Forschungsgruppe Orthographie“ gegründet. Leitung: Dieter Nerius.

 

1976

Der Leipziger Duden erscheint in 17. Auflage.

 

1977

24. März: Am Institut für deutsche Sprache (Mannheim) wird die „Kommission für Rechtschreibreform“ (ab 2. Juni: „für Rechtschreibfragen“) gegründet. Leitung: 1977–1980 Heinz Rupp, 1980–1990 Hans Glinz, seit 1990 Gerhard Augst.

 

1978

10. bis 12. Oktober: Die „Österreichische gesellschaft für sprachpflege und rechtschreiberneuerung“ veranstaltet erneut eine internationale sprachwissenschaftliche Tagung zur Reform der deutschen Orthographie in Wien.

 

1979

Mai: Die „Kommission für Rechtschreibfragen“ legt auf einer Arbeitstagung den Entwurf einer Neuregelung der Groß- und Kleinschreibung im Sinne der „gemäßigten Kleinschreibung“ vor.

 

1980

Die „Kommission für Rechtschreibfragen“ (BRD) und die „Forschungsgruppe Orthographie“ (DDR) schließen sich mit der „Arbeitsgruppe Rechtschreibreform der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren“ und der „Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe des Koordinationskomitees für Orthographie beim Bundesministerium für Unterricht und Kunst“ (Wien) anlässlich eines Germanistenkongresses in Basel zum „Internationalen Arbeitskreis für Rechtschreibreform“ (später: für Orthographie) zusammen, der anfangs zweijährlich, ab 1986 jährlich tagt.

Der Mannheimer Duden erscheint in 18. Auflage (erstmals mit alphabetischer statt systematischer Anordnung der Rechtschreibregeln).

 

1985

Erste Veröffentlichung der Mannheimer Kommission: Die Rechtschreibung des Deutschen und ihre Neuregelung (mit Vorschlägen zu Zeichensetzung, Groß- und Kleinschreibung, Worttrennung und s-Schreibung).

Der Leipziger Duden erscheint in 18. Auflage.

 

1986

4./5. Dezember: Vertreter der vier deutschsprachigen Staaten treffen in Wien zu den „1. Wiener Gesprächen zu Fragen der Rechtschreibreform“ zusammen. In ihrer Abschlusserklärung sprechen sie sich dafür aus, die Rechtschreibung „den heutigen Erfordernissen anzupassen“ und die „im Laufe der Zeit kompliziert gewordenen Regeln zu vereinfachen“. In einem ersten Schritt sollen die Bereiche Worttrennung, Zeichensetzung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Laut-Buchstaben-Beziehung (einschließlich Fremdwortschreibung) behandelt werden; die Groß- und Kleinschreibung soll erst in einem zweiten Schritt in Angriff genommen werden.

Der Mannheimer Duden erscheint in 19. Auflage.

 

1987

19. Februar: Das Bundesinnenministerium und die Kultusministerkonferenz erteilen dem Institut für deutsche Sprache offiziell den Auftrag, in Abstimmung mit der Gesellschaft für deutsche Sprache einen Neuregelungsvorschlag zu entwerfen. Der Bereich der Groß- und Kleinschreibung soll dabei ausgespart bleiben.

 

1988

19. Juli: Etwa einen Monat vor dem geplanten Termin veröffentlicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Artikel von Gerhard Augst, in dem der Vorschlag zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung des Instituts für deutsche Sprache ausführlich vorgestellt wird. Er enthält folgende Hauptpunkte:

(1) generelle Zulassung der Worttrennung nach Sprechsilben (z.B. A-bend, Fenster, Mag-net, wo-ran)

(2) Getrennt- und Zusammenschreibung aufgrund von grammatischen Kriterien

(3) Freigabe des Kommas zwischen mit und, oder usw. verbundenen Hauptsätzen sowie bei Infinitiv- und Partizipgruppen

(4) Heysesche s-Regelung, Einheitsschreibung das

(5) Wegfall der Drei-Konsonanten-Regel

(6) Systematisierung der Laut-Buchstaben-Zuordnung durch Abschaffung von Doppel-⟨a⟩ und -⟨o⟩ (außer in Zoo), Ersetzung von langem ⟨i⟩ durch ⟨ie⟩ in deutschen Wörtern (z.B. Bieber, Briese), Ersetzung von ⟨ai⟩ durch ⟨ei⟩, Beschränkung von ⟨ä⟩ und ⟨äu⟩ auf den Umlaut (daher Bändel, hätzen, überschwänglich, aber reuspern), Einzelwortschreibungen wie Fede, Apt, Frefel, Malwe

(7) Stärkung des Stammprinzips in einigen Fremdwörtern (z.B. nummerieren, Ass, Tipp, Karee, Stuckateur)

(8) vorsichtige Eindeutschung von Fremdwörtern (z.B. Pralinee, Träning, Hobbi)

Die FAZ versieht Augsts Artikel mit einem „distanzierenden Vorspann“. In den folgenden Wochen werden zahlreiche (meist kritische) Leserbriefe zum Reformentwurf abgedruckt.

17. Oktober: Offizielle Übergabe des Neuregelungsvorschlags an die staatlichen Vertreter. Sofort nach Bekanntwerden kommt es zu heftigen Protesten in der Presse, vor allem gegen die neuen Wortschreibungen („Frefler greift in die Seiten“, „Wenn der Keiser küsst oder Meis isst“, „Es ist etzend, wenn der Keiser Bot fehrt“, „Ein Kapiten gedänkt Ale zu fangen“, „Katastrofal unfäre sprache“, „Kein Keiser auf dem Tron hat R(h)euma“, „Ein Frefel im Mei“ usw.).

1./2. Dezember: Die Kultusministerkonferenz setzt eine „Arbeitsgruppe Rechtschreibreform“ ein (mit je einem Fachbeamten der Bundesländer) und beauftragt diese, die Neuregelungsvorschläge – mit Ausnahme des als nicht konsensfähig angesehenen Bereichs der Wortschreibung – zu prüfen.

 

1989

Januar: Der Reformvorschlag von 1988 erscheint im Druck.

 

1990

21. bis 23. Mai: 2. Wiener Gespräche der staatlichen Vertreter. Die Unterzeichnung einer Übereinkunft zur Reform der deutschen Rechtschreibung wird für 1995 angestrebt. Die Kommissionen der deutschsprachigen Länder sollen einen gemeinsamen Neuregelungsvorschlag vorlegen. Im Bereich der Wortschreibung soll „behutsam und pragmatisch“ vorgegangen und auf eine „forcierte Assimilation der Fremdwortschreibung“ verzichtet werden; zur Groß- und Kleinschreibung sollen „alternative Lösungen auf der Basis des Status quo und der vorliegenden Reformvorschläge“ ausgearbeitet werden.

 

1991

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands werden auch die beiden Duden-Rechtschreibwörterbücher zum „gesamtdeutschen“ Duden (20. Auflage) vereinigt.

 

1992

September: Der Internationale Arbeitskreis für Orthographie legt den Neuregelungsvorschlag von 1988 in überarbeiteter Form erneut vor (Deutsche Rechtschreibung. Vorschläge zu ihrer Neuregelung). Für den Bereich der Groß- und Kleinschreibung werden drei Regelvarianten zur Wahl gestellt:

(1) Status-quo-Regelung

(2) modifizierte Großschreibung

(3) Substantivkleinschreibung

Die Autoren sprechen sich nachdrücklich für die Variante (3) aus.

1. Oktober: Die Kultusministerkonferenz erklärt in einer Pressemitteilung, „daß Vorschläge zu einer Reform der Groß- und Kleinschreibung grundsätzlich nicht die Zustimmung der staatlichen Stellen finden“.

 

1993

Januar: Die Kultusministerkonferenz fordert 43 Verbände zur Stellungnahme auf; es gehen 24 Gutachten ein, dazu 4 unangeforderte.

5. März: Die Arbeitsgruppe Rechtschreibreform der Kultusministerkonferenz führt in Bonn mit den Hauptbearbeitern des Reformvorschlags ein Gespräch über erörterungsbedürftige Punkte.

4. Mai: 30 Institute und Organisationen werden vom Bundesinnenministerium und von der Kultusministerkonferenz zu einer Anhörung nach Bonn eingeladen. Aufgrund der vorgetragenen Einwände reduziert der Internationale Arbeitskreis für Orthographie seinen Vorschlag und erklärt sich zur Beibehaltung der Substantivgroßschreibung und der Unterscheidungsschreibung das/daß bereit. In der Schweiz und in Österreich finden ebenfalls entsprechende Anhörungen statt.

 

1994

März: Eine auf der Basis der Veröffentlichung von 1992 vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie in Abstimmung mit der Kultusministerkonferenz-Arbeitsgruppe Rechtschreibreform erarbeitete und mit der Gesellschaft für deutsche Sprache abgestimmte Beschlussvorlage wird den offiziellen Stellen überreicht.

22. bis 24. November: Bei einer gemeinsamen Sitzung der nationalen Fachkommissionen („3. Wiener Gespräche“) wird der Neuregelungsvorschlag – mit einigen Änderungen – angenommen. Er enthält gegenüber der alten Rechtschreibung vor allem folgende Neuerungen:

(1) Stärkung des Stammprinzips durch Umlautschreibung ⟨ä⟩ in verschiedenen Einzelfällen (z.B. behände, Bändel, Gämse, Stängel), Konsonantenverdopplung nach Kurzvokal in einigen Fremdwörtern (z.B. nummerieren, Packet, Tipp, Zigarrette)

(2) Heysesche s-Regelung

(3) Wegfall der Drei-Konsonanten-Regel

(4) Eindeutschung bestimmter Fremdwörter (z.B. Ersetzung von ⟨ph, th, rh, gh⟩ durch ⟨f, t, r, g⟩

(5) vermehrte Getrenntschreibung von Verbindungen mit Verb oder Adjektiv/Partizip als zweitem Bestandteil (z.B. Staub saugen, sitzen bleiben, Not leidend, leicht verständlich)

(6) vermehrte Großschreibung von Substantivierungen und Scheinsubstantivierungen (z.B. heute Abend, im Allgemeinen, im Dunkeln tappen, im Voraus)

(7) Freigabe des Kommas zwischen mit und, oder usw. verbundenen Hauptsätzen sowie bei Infinitiv-, Partizip- und Adjektivgruppen

(8) vermehrte Trennung nach Sprechsilben, auch in Fremdwörtern und bei s-t

Die neue Rechtschreibung soll Ende 1995 von den deutschsprachigen Staaten unterzeichnet und zu Beginn des Schuljahres 1996/97 in den Schulen eingeführt werden.

Bis 31. August 2001 sollen alte und neue Regelung nebeneinander gelten, danach nur noch die neue.

Dezember: Die wichtigsten Inhalte der Reform werden der Öffentlichkeit in einer Extraausgabe des Sprachreport (Institut für deutsche Sprache) und in den Informationen zur neuen deutschen Rechtschreibung (Dudenverlag) vorgestellt.

 

1995

30. März: Die Vorlage für das amtliche Regelwerk wird den zuständigen staatlichen Stellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz übergeben.

April: Österreich und die Schweiz beschließen die neue Rechtschreibung.

Juni: Das Regelwerk erscheint in Buchform unter dem Titel Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Vorlage für die amtliche Regelung.

August: Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair erklärt, der Reformvorschlag sei für ihn ohne Korrekturen nicht akzeptabel; insbesondere im Bereich der Fremdwortschreibung müssten noch Änderungen vorgenommen werden.

September: In der Juristenzeitung erscheint ein Aufsatz des Jenaer Doktoranden Wolfgang Kopke, wonach die Durchführung der Rechtschreibreform ohne Zustimmung der Parlamente verfassungswidrig sei.

11. September: In einem Spiegel-Interview (Heft 31/1995) erläutert Zehetmair seine Bedenken gegen den Reformvorschlag. Die Redakteure konfrontieren ihn u.a. mit der – ihm bis dahin unbekannten – neuen Kleinschreibung heiliger Vater, gegen die er heftig protestiert.

13. September: Die CDU-Fraktionsvorsitzenden aus Hamburg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und dem Saarland fordern in einem Brief den Bundesinnenminister und die Kultusminister auf, das Inkrafttreten der Reform zu verhindern. Es sei eine Zustimmung der Länderparlamente in Form eines Staatsvertrages notwendig.

15. September: Die Süddeutsche Zeitung bringt ihre 48-seitige Beilage „Magazin“ vollständig in neuer Rechtschreibung heraus.

21. September: Das bayerische Kultusministerium teilt der Kultusministerkonferenz die Änderungswünsche Zehetmairs offiziell mit.

22. September: Der Jenaer Rechtswissenschaftler Rolf Gröschner erklärt, die Rechtschreibreform könne nicht per Erlass, sondern nur per Gesetz eingeführt werden.

28./29. September: Die Kultusministerkonferenz vertagt die Verabschiedung der Reform auf ihre nächste Sitzung am 30. November / 1. Dezember. • Die für den 29. September geplante Veröffentlichung des neuen Duden muss daraufhin abgesagt werden.

18. Oktober: Die von der Kultusministerkonferenz eingesetzte Amtschefkommission zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung erarbeitet einen Vorschlag zur Änderung des Regelwerkes im Sinne Zehetmairs.

25. bis 27. Oktober: Die deutsche Ministerpräsidentenkonferenz beschließt, die Verabschiedung der Reform auf Frühjahr 1996 zu verschieben.

27. Oktober: Zehetmair verlangt in einer Regierungserklärung vor dem bayerischen Landtag nochmals die Beibehaltung von Schreibungen wie Alphabet, Apotheke, Restaurant, Thron und Fehde.

17. November: Die Amtschefkommission der Kultusministerkonferenz verhandelt über weitere Änderungsvorschläge. Mit Rücksicht auf die anderen deutschsprachigen Staaten wird beschlossen, die Reformschreibungen behände, schnäuzen, belämmert, Gräuel, verbläuen und Quäntchen beizubehalten; nur die Änderung von Holocaust in Holokaust soll rückgängig gemacht werden.

30. November / 1. Dezember: Die Kultusministerkonferenz erklärt sich zur Änderung des Regelwerkes bereit: 45 eingedeutschte Schreibvarianten (z.B. Packet, Zigarrette, Katastrofe, Tron, Reuma) sollen gestrichen, die Adjektive in Heiliger Vater, Letzte Ölung und Dritte Welt wieder großgeschrieben werden. Unter der Voraussetzung, dass die Ministerpräsidenten, der Bund und die anderen deutschsprachigen Staaten zustimmen, wird beschlossen, die Neuregelung zum 1. August 1998 mit einer Übergangsphase bis 31. Juli 2005 einzuführen. • Wegen der nachträglichen Änderungen am Regelwerk muss die bereits gedruckte Neuausgabe des Duden makuliert werden.

14. Dezember: Die deutsche Ministerpräsidentenkonferenz billigt den Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 1. Dezember.

 

1996

31. März: Die Ministerpräsidentenkonferenz erklärt endgültig ihre Zustimmung zum Reformvorschlag der Kultusministerkonferenz.

19. April: Das Bundeskabinett billigt den Neuregelungsentwurf.

26. Juni: Das Bundesverfassungsgericht lässt eine Verfassungsbeschwerde des Staatsrechtlers Rolf Gröschner gegen die Rechtschreibreform nicht zu, da dieser von dem angefochtenen Vorhaben nicht selbst betroffen sei.

1. Juli: Die offiziellen Vertreter Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie fünf weiterer Staaten, in denen Deutsch Amts- oder Minderheitensprache ist (Liechtenstein, Belgien, Italien, Rumänien, Ungarn), stimmen der Neuregelung in der „Wiener Absichtserklärung“ zu.

2. Juli: Das erste Rechtschreibwörterbuch in neuer Orthographie erscheint (Bertelsmann, Die neue deutsche Rechtschreibung). Es setzt das amtliche Regelwerk an zahlreichen Stellen fehlerhaft und inkonsequent um (z.B. bleuen, blau machen, frei haben, fertighaben, kurztreten, probefahren, Maschine(n) geschrieben, gleichgesinnt, vielsagend, soviel, soweit, jedesmal, altwienerisch, Corpus delicti, Fin de siècle, Voltasche Säule, an … Statt usw.).

August: Zehn deutsche Bundesländer führen die Neuregelung in den Grundschulen ein.

22. August: Die 21. Auflage der Duden-Rechtschreibung erscheint. Bei Vergleichen mit dem Konkurrenzprodukt des Bertelsmann-Verlages treten die zahlreichen Fehler des letzteren klar zutage. In den folgenden Monaten werden mehrere veränderte Nachdrucke des Bertelsmann-Wörterbuches auf den Markt gebracht, die sich allmählich dem Duden angleichen (der jedoch ebenfalls nicht fehlerfrei ist [z.B. Nomen actionis, nur noch weiter bestehen, wieder erkennen, wieder finden, wieder sehen usw., Zweifelsfall Spinnefeind]).

September: Der Reformer Hermann Zabel kritisiert in einem Rundschreiben, dass der Duden – im Gegensatz zum Bertelsmann – die Vorgaben des amtlichen Regelwerkes in den Bereichen Worttrennung und Fremdwortschreibung eigenmächtig ändere. Aus diesem Grund könne der Duden in den Schulen nicht zugelassen werden.

29. September: Die Schweizer Reformer Horst Sitta und Peter Gallmann verteidigen den Duden in einer „Stellungnahme zu den Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in Deutschland“.

Oktober: Die Absichtserklärung wird im Bundesanzeiger veröffentlicht. Kurz darauf erscheint das amtliche Regelwerk in Buchform (Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis).

6. Oktober: Rund 100 Schriftsteller unterzeichnen auf der Frankfurter Buchmesse die „Frankfurter Erklärung“ des Weilheimer Studiendirektors Friedrich Denk gegen die Rechtschreibreform.

7. Oktober: Der hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) wirft dem Duden in einem Spiegel-Interview (41/1996) vor, er vermische „die neuen amtlichen Regeln mit eigenen Empfehlungen in einer Weise, die für den Benutzer schwer durchschaubar ist“. Es gebe jedoch „eine Alternative aus einem Gütersloher Verlag, die diese gravierenden Mängel nicht aufweist“.

14. Oktober: Das Heft 42/1996 des Spiegel erscheint mit dem Titelthema „Schwachsinn Rechtschreibreform. Rettet die deutsche Sprache! Der Aufstand der Dichter“. In Interviews sprechen sich Hans Magnus Enzensberger („So überflüssig wie ein Kropf“), Siegfried Lenz („Kostspieliger Unsinn“), Martin Walser („Ich fahre so fort“) und Walter Kempowski („Ich fühle mich gedemütigt“) gegen die Rechtschreibreform aus. Der Spiegel selbst kündigt an, die Reform ignorieren zu wollen.

15. Oktober: Das Institut für deutsche Sprache weist die Proteste der Schriftsteller in einer Presseerklärung zurück („Was manche Schriftsteller alles nicht wissen“).

19. Oktober: Die „Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform“ mit 450 Unterzeichnernamen erscheint als ganzseitige Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

24./25. Oktober: Die Kultusminister reagieren auf die „Frankfurter Erklärung“ mit einer „Dresdner Erklärung“, in der sie die Argumente der Reformgegner als unbegründet zurückweisen und nachdrücklich bekräftigen, an der Reform festhalten zu wollen.

9. November: Die „Zweite Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform“ mit jetzt insgesamt 25.823 Unterschriften wird vorgelegt.

30. November: In der Süddeutschen Zeitung erscheint eine ebenfalls von Friedrich Denk initiierte „Münchener Erklärung zur Rechtschreibreform“, verbunden mit einem Aufruf zum „Volksbegehren WIR gegen die Rechtschreibreform“ mit angefügter Unterschriftenliste.

14. Dezember: Der Verleger Matthias Dräger startet in Schleswig-Holstein eine Unterschriftensammlung gegen die Reform. • Die bundesweite Initiative „Wir Schüler gegen die Rechtschreibreform“ wird gegründet.

 

1997

1. Januar: Die Zeitung Die Woche stellt auf die neue Rechtschreibung um.

20. Februar: In Bayern gründen Lehrer eine bundesweite Initiative „Wir Lehrer gegen die Rechtschreibreform und für eine einheitliche, systematische Rechtschreibung“.

21. Februar: 50 Bundestagsabgeordnete von CDU/CSU, SPD und FDP bringen einen Antrag auf Stopp der Rechtschreibreform im Bundestag ein (Drucksache 13/7028).

22. Februar: Start eines Volksbegehrens in Niedersachsen durch Prof. Carsten Ahrens und Gabriele Ruta.

27. Februar: Im österreichischen Parlament wird ein interfraktioneller Gruppenantrag von Abgeordneten der FPÖ und der Grünen auf Stopp der Rechtschreibreform eingebracht. • Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft teilt in einer Erklärung mit, dass die vorgeschlagene Reform „nicht dem Stand der sprachwissenschaftlichen Forschung“ entspreche; durch die künftige Zwischenstaatliche Kommission sei jedoch die Möglichkeit gegeben, „wissenschaftlich fundiert durchaus erkennbare Mängel und Probleme der neuen Rechtschreibung zu beheben, eine neue Rechtschreibung zu pflegen und Sprachveränderungen angemessen zu berücksichtigen“.

28. Februar: Die Kultusministerkonferenz verteidigt die geplante Reform und fordert ein Verbot der Volksbegehren dagegen.

25. März: Am Institut für deutsche Sprache in Mannheim konstituiert sich die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung, die die Einführung der Reform „beratend begleiten“ und anstelle des Duden in Zweifelsfällen entscheiden soll. Mitglieder sind für Deutschland: Gerhard Augst, Peter Eisenberg, Klaus Heller, Rudolf Hoberg, Horst Haider Munske, Dieter Nerius; für Österreich: Karl Blüml, Richard Schrodt, Franz Viktor Spechtler; für die Schweiz: Peter Gallmann, Werner Hauck, Horst Sitta.

18. April: Nach der ersten Lesung im Bundestag wird der Gruppenantrag vom 21. Februar zur federführenden Beratung an den Rechtsausschuss und zur Mitberatung an den Auswärtigen Ausschuss, den Innenausschuss, den Haushaltsausschuss und den Ausschuss für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung überwiesen.

25. April: Die Bürgerinitiative „Wir sind das Rechtschreibvolk!“ beantragt in einer Petition an das Berliner Abgeordnetenhaus, in das Schulgesetz von Berlin einen Paragraphen zum Schutz der deutschen Rechtschreibung einzufügen („In den Berliner Schulen wird die seit 1901 übliche Rechtschreibung gelehrt“).

3. Mai: Peter Eisenberg, Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission, übt in einer Talkshow des Senders Freies Berlin scharfe Kritik am amtlichen Regelwerk.

2. Juni: Zur Beratung des Gruppenantrags vom 21. Februar findet vor dem Rechtsausschuss in Bonn eine öffentliche Anhörung statt, an der als Sachverständige u.a. Gerhard Augst und die Reformgegner Rolf Gröschner und Theodor Ickler teilnehmen. • Günter Grass verbietet in einem offenen Brief in der Süddeutschen Zeitung jedwede orthographische Veränderung seiner Texte, auch in Schulbüchern; weitere 30 Autoren protestieren im Spiegel gegen die „Sinnentstellung“ ihrer Texte durch die neue Rechtschreibung.

4. Juni: Die Studiengruppe „Geschriebene Sprache“ teilt in einer Erklärung zur Rechtschreibreform mit, die Reformkommission repräsentiere in ihrer personellen Zusammensetzung nicht „den in den deutschsprachigen Ländern in den letzten 20 Jahren erreichten hohen Stand wissenschaftlicher Forschung zu Schriftlichkeit und Orthographie“. Die Studiengruppe fordert eine Überarbeitung des „widersprüchlichen“ Regelwerks „auf der Basis moderner Orthographieforschung“ und kündigt eigene Alternativvorschläge an.

11. Juni: Die Innenminister der deutschen Bundesländer beschließen die Einführung der neuen Schreibweisen für den Schriftverkehr der Behörden zum 1. August 1998.

12. Juni: Die österreichische „IG Autorinnen Autoren“ veröffentlicht eine Erklärung, in der die Anwendung der Rechtschreibreform auf die Texte von 400 österreichischen Autoren untersagt wird.

23. Juni: In einem Brief an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wirbt der Verband der Schulbuchverlage für die Reform und weist die Kritik daran als „häufig unsachlich, überzogen und falsch“ zurück.

30. Juni: Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, der Bundeselternrat, der Bundesverband der Lehrer an beruflichen Schulen, der Deutsche Didacta Verband, der Deutsche Philologen-Verband, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Verband Bildung und Erziehung und der Verband der Schulbuchverlage geben gemeinsam einen Appell „Ja zur Rechtschreibreform!“ heraus.

29. Juli: Das Verwaltungsgericht Wiesbaden gibt dem Eilantrag eines Vaters gegen den Unterricht nach den neuen Regeln statt.

14. August: In einer Pressemitteilung stellt das Institut für deutsche Sprache die Ergebnisse einer Untersuchung von Kerstin Güthert und Klaus Heller vor, wonach es zwischen den beiden führenden Wörterbüchern Duden und Bertelsmann auf der Buchstabenstrecke H lediglich 35 Differenzen gebe. Von 8000 Unterschieden zwischen den Wörterbüchern könne also keine Rede sein. Der Untersuchung liegt allerdings nicht die Erstausgabe des Bertelsmann vom 1. Juli, sondern der 10. Nachdruck zugrunde, der sich bereits an vielen Stellen dem Duden angeglichen hatte.

26. August: Ein Anwaltsehepaar aus Lübeck, das vor den Verwaltungsgerichten unterlag, legt in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde ein.

September: Horst Haider Munske tritt aus der Zwischenstaatlichen Kommission aus, da er sich mit seiner Forderung nach Änderung der Regeln im Bereich der Getrenntund Zusammenschreibung nicht durchsetzen konnte.

5. September: Der Beschluss des Verwaltungsgerichts Wiesbaden vom 29. Juli wird in zweiter Instanz aufgehoben.

Oktober: Die Zwischenstaatliche Kommission gibt bekannt, dass sie sich mit den wichtigsten Wörterbuchverlagen auf eine gemeinsame Linie zunächst bei der Worttrennung einigen werde. • Der Bundeselternrat startet in zahlreichen großen Zeitungen eine Anzeigenkampagne zur Unterstützung der Rechtschreibreform.

17. Oktober: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erklärt die vorzeitige Umsetzung der Reform in Niedersachsen für rechtswidrig.

20. Oktober: Niedersachsen setzt den Unterricht nach den neuen Regeln aus.

1. November: In Schleswig-Holstein beginnt das Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform.

3. November: Das Oberverwaltungsgericht Bautzen bestätigt in einem Einzelfall den vorläufigen Stopp der Reform.

4. November: Die österreichische Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer lehnt den Vorschlag von Bundesaußenminister Kinkel, die Rechtschreibreform wegen des Widerstandes der Bevölkerung zu stoppen, ab.

14. November: Das Verwaltungsgericht Berlin gibt der Klage eines Grundschülers gegen die Rechtschreibreform statt.

1. Dezember: Der rheinland-pfälzische Kultusminister Zöllner weist die Lehrer seines Bundeslandes in einem Rundschreiben an, alle in den neuen Wörterbüchern verzeichneten Angaben (auch die widersprüchlichen) gelten zu lassen.

Dezember: Die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung formuliert in ihrem ersten Bericht „Vorschläge zur Präzisierung und Weiterentwicklung aufgrund der kritischen Stellungnahmen zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“. Darin sucht sie der heftigen inhaltlichen Kritik an der Reform Rechnung zu tragen, indem sie das beschlossene Regelwerk an einigen Stellen modifiziert. Betroffen sind u.a. folgende Regelungen:

(1) Neben den volksetymologisch bedingten Neuschreibungen (belämmert, einbläuen, Tollpatsch, Quäntchen) sollen die alten Schreibweisen weiterhin zulässig bleiben.

(2) ⟨ß⟩ soll auch als Großbuchstabe verwendet werden können.

(3) Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung von Adjektiv + Verb soll auch die Betonung als Kriterium herangezogen werden (z.B. gut schreiben, aber gutschreiben).

(4) Verbindungen mit einem Partizip als zweitem Bestandteil sollen auch dann zusammengeschrieben werden können, wenn bei ihrer Rückführung auf eine Infinitivform kein zusätzlicher Bestandteil auftaucht (z.B. erfolgversprechend).

(5) Bei den Verbverbindungen Leid tun, Not tun, Pleite gehen und Feind sein soll auch Kleinschreibung wieder möglich sein.

Der Bericht der Kommission wird 36 Verbänden zur Begutachtung zugesandt.

 

1998

13. Januar: Das Bundesverfassungsgericht verwirft zwei Verfassungsbeschwerden gegen die Rechtschreibreform aus formalen Gründen.

23. Januar: Die Zwischenstaatliche Kommission diskutiert ihre Revisionsvorschläge mit Vertretern der angeschriebenen Verbände („Mannheimer Anhörung“). Aufgrund der vorgetragenen Einwände wird der Bericht an einigen Stellen überarbeitet.

31. Januar: Karl Blüml, österreichisches Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission, offenbart in einem Interview mit der Zeitung Der Standard: „Das Ziel der Reform waren aber gar nicht die Neuerungen. Das Ziel war, die Rechtschreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlages in die staatliche Kompetenz zurückzuholen.“

6. Februar: Die Amtschefkommission der Kultusministerkonferenz empfiehlt, die vorgeschlagenen Änderungen des amtlichen Regelwerks nicht zu übernehmen, da das Regelwerk den kritischen Einwendungen standhalte.

26./27. Februar: Die Kultusministerkonferenz folgt der Empfehlung der Amtschefkommission vom 6. Februar.

2. März: Das Verwaltungsgericht Hannover lehnt die Einführung der neuen Regeln ab.

13. März: Peter Eisenberg tritt aus Protest gegen die Haltung der Kultusministerkonferenz aus der Zwischenstaatlichen Kommission aus.

24. März: Der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages empfiehlt dem Bundestag, den Gruppenantrag vom 21. Februar 1997 in gemilderter Form anzunehmen (Drucksache 13/10183). Gefordert wird jetzt nicht mehr die völlige Rücknahme der Reform, sondern nur ein vorläufiger Verzicht bis zum Abschluss einer neuen Überprüfung.

26. März: Der Deutsche Bundestag folgt der Empfehlung des Rechtsausschusses und fordert die Bundesregierung auf, die Umsetzung der Reform im Schriftverkehr der Bundesbehörden vorerst auszusetzen.

30. April: Abschluss des Volksbegehrens in Schleswig-Holstein; die Initiatoren bringen mit über 223.000 Unterschriften mehr als das Doppelte der notwendigen Stimmen zusammen.

April/Mai: Fast 600 Professoren der Sprach- und Literaturwissenschaften unterzeichnen eine Erklärung gegen die Rechtschreibreform.

12. Mai: Das Bundesverfassungsgericht verhandelt mündlich über die Verfassungsbeschwerde eines Lübecker Elternpaars. Befürworter und Gegner der Reform erhalten Gelegenheit, in einer öffentlichen Anhörung Stellung zu nehmen.

19. Mai: Scheitern des Volksbegehrens „Wir gegen die Rechtschreibreform“ in Niedersachsen. Statt der erforderlichen 593.000 Unterschriften konnten nur 277.000 gesammelt werden.

Juni: Als Ersatz für Horst Haider Munske und Peter Eisenberg werden Mechthild Dehn und Dieter Herberg in die Zwischenstaatliche Kommission berufen.

7. Juli: Eine Woche vor dem angekündigten Urteilsspruch des Bundesverfassungsgerichts ziehen die Kläger ihre Beschwerde mit der Begründung zurück, die Zeitschrift Focus habe unter Berufung auf eine „zuverlässige Quelle aus Bonn“ berichtet, das Gericht werde die Klage abweisen.

14. Juli: Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts weist die Verfassungsbeschwerde ab: Die Neuregelung greife nicht in Grundrechte ein, die Art ihrer Einführung durch Ministerialerlasse sei rechtmäßig gewesen, einer Einschaltung der Landesparlamente habe es nicht bedurft.

1. August: Die Neuregelung tritt offiziell in Kraft. An allen Schulen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins wird nun nach den neuen Regeln unterrichtet. In der Schweiz, in Österreich und in zunächst 10 deutschen Bundesländern (Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, RheinlandPfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) gelten die neuen Regeln auch für die Behörden.

August/September: Der Verband der Schulbuchverleger führt in Schleswig-Holstein eine Kampagne zur Beeinflussung des Volksentscheids durch.

27. September: Zeitgleich mit der Bundestagswahl findet in Schleswig-Holstein ein Volksentscheid zur Rechtschreibreform statt. 56,4 % der Wähler sprechen sich gegen, 29,1 % für die Reform aus. Infolge dieser Entscheidung müssen an den schleswig-holsteinischen Schulen wieder die alten Schreibungen gelehrt werden.

November: Der Dudenverlag bringt ein Praxiswörterbuch zur neuen Rechtschreibung auf den Markt, das aus den vom amtlichen Regelwerk angeboten Schreibvarianten die am sinnvollsten erscheinenden auswählt und zur Anwendung empfiehlt, teilweise aber auch von den amtlichen Regeln abweicht (z.B. Zulassung von nichtssagend, notleidend, schwerbehindert).

14. November: Start der Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren in Bremen durch Petra Ahrens und Matthias Dräger.

4. Dezember: Konferenz der deutschen Ministerpräsidenten in Potsdam. An der Rechtschreibreform wird trotz des Volksentscheids in Schleswig-Holstein festgehalten. ////////////////

10. Dezember: Ankündigung eines Volksbegehrens in Bayern durch Matthias Dräger.

16. Dezember: Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen beschließen, die neue Rechtschreibung zum 1. August 1999 einzuführen.

 

1999

1. Januar: Die Neuregelung gilt nun auch für die Behörden in Baden-Württemberg, Bayern und Berlin.

27. Januar: Die Bundesregierung beschließt die Einführung der neuen Rechtschreibung in die Amtssprache aller Bundesbehörden zum 1. August 1999.

28. Januar: Das Verwaltungsgericht Freiburg weist die Klage eines Vaters gegen das Land Baden-Württemberg in der Hauptsache ab.

Ende Januar: Der Bertelsmann-Verlag verschenkt mit Unterstützung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 10.000 Bertelsmann-Wörterbücher an die schleswig-holsteinischen Schulen.

Februar: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung legt einen Kompromissvorschlag zur Rechtschreibreform vor, in dem u.a. folgende Neuerungen des amtlichen Regelwerks abgelehnt werden:

– volksetymologische Analogieschreibungen (z.B. Tollpatsch, Quäntchen),

– Dreifachkonsonanten (z.B. Schlammmasse),

– Getrenntschreibung lexikalisierter Wörter (z.B. kennen lernen, schwer fallen, Fleisch fressend, Maß halten),

– Großschreibung von (Schein-)Substantivierungen (z.B. im Allgemeinen) und Bestandteilen von Fremdwörtern (z.B. Ultima Ratio),

– Kleinschreibung vertraulicher Anredepronomen (Du, Dein usw.), //////////////

– Trennung von Fremdwörtern nach Sprechsilben.

Reformgegner in Mecklenburg-Vorpommern starten eine Unterschriftenaktion.

8. Februar: Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen stellen einen Regelentwurf vor, der dem amtlichen Regelwerk an einigen Punkten nicht folgt (z.B. keine Eindeutschung von Fremdwörtern aus lebenden Sprachen, Großschreibung von festen Fügungen aus Adjektiv und Substantiv [Erste Hilfe usw.], von adjektivischen Ableitungen von Eigennamen [Ohmsches Gesetz usw.] und von vertraulichen Anredepronomen [Du, Dein usw.], keine Änderungen in der Zeichensetzung).

16. Februar: Jens Berendsen, Vater dreier Kinder, klagt beim Verwaltungsgericht Schleswig gegen die Wiedereinführung der alten Schreibung in Schleswig-Holstein.

9. März: Der Bremer Senat erklärt ein Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform für nicht verfassungsmäßig.

15. März: Der Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege übergibt 35.600 Unterschriften an die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und beantragt die Zulassung eines Volksbegehrens.

17. März: Der Reformgegner Hans-Friedrich Tschamler aus Schopfheim reicht Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof ein.

19. März: Start einer neuen Unterschriftensammlung in Bremen durch die Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“.

22. März: Das Verwaltungsgericht Schleswig weist den Antrag von Jens Berendsen auf einstweilige Anordnung, seine Töchter seien in neuer Rechtschreibung zu unterrichten, zurück.

24. März: Das Bundesverwaltungsgericht in Berlin hebt das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 14. November 1997 auf. Der 6. Senat des Gerichts erklärt, durch die Reform würden Schüler nicht in ihren Grundrechten verletzt. Es sei auch kein spezielles Gesetz zur Einführung des neuen Regelwerkes nötig. Geklagt hatte das Ehepaar Holstein, das sich in seinen Erziehungsrechten verletzt sieht.

April: Das Bertelsmann-Rechtschreibwörterbuch erscheint in einer „grundlegend erweiterten und aktualisierten Ausgabe“. Sie lässt eine Reihe von Schreibungen zu, die im amtlichen Regelwerk nicht vorgesehen sind, jedoch mit den Vorschlägen der Zwischenstaatlichen Kommission vom Dezember 1997 übereinstimmen (z.B. blutsaugend, erfolgversprechend, furchterregend, nichtssagend, vielversprechend, weitreichend).

13. April: Der Berliner Senat erklärt ein Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform für formal zulässig.

10. Mai: Start des Volksbegehrens „Schluß mit der Rechtschreibreform“ in Berlin.

10. Juni: Die Wochenzeitung Die Zeit stellt auf eine von Dieter E. Zimmer „vorsichtig reparierte“ Neuschreibung um, die an einigen Punkten vom amtlichen Regelwerk abweicht (u.a. Beibehaltung der bisherigen Schreibung adjektivischer Ableitungen von Personennamen [z.B. Schillersche Balladen, aber schillersches Pathos], Kleinschreibung von feind sein und leidtun [//////Letzteres außerdem zusammen//////], Großschreibung von festen Fügungen aus Adjektiv und Substantiv [z.B. Erste Hilfe], Zusammenschreibung fester Verbindungen mit dem Partizip I [z.B. alleinstehend, besorgniserregend], keine Änderung der Zeichensetzung und der Worttrennung).

28. Juli: Das Berliner Volksbegehren „Schluß mit der Rechtschreibreform“ scheitert. Es konnten nur 106.080 statt der erforderlichen 241.536 Unterschriften gesammelt werden.

20. Juli: Das Bundesverfassungsgericht weist einen Antrag auf eine einstweilige Anordnung ab, mit der Jens Berendsen und seine Töchter in Schleswig-Holstein Rechtschreibunterricht nach den neuen Regeln erzwingen wollten. • In Mecklenburg-Vorpommern erzwingt die Initiative „Wir stoppen die Rechtschreibreform“ mit rund 18.000 gültigen Unterschriften die parlamentarische Behandlung des Themas.

1. August: Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen (und mit ihnen ein Großteil der deutschen Presse) stellen auf den von ihnen erarbeiteten Neuregelungsentwurf um. • Auch die Bundesbehörden verwenden gemäß dem Beschluss der Bundesregierung vom 27. Januar ab sofort die neue Rechtschreibung.

2. August: Mit Heft 31/1999 wechselt der Spiegel ebenfalls zur neuen Rechtschreibung – mit kleinen Einschränkungen: Wo mehrere Varianten zur Wahl stehen, verwendet der Spiegel die alte; Ableitungen von Personennamen werden weiterhin großgeschrieben, und es werden keine einzelnen Buchstaben abgetrennt.

16. September: Der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern debattiert über die Volksinitiative „Wir stoppen die Rechtschreibreform“.

17. September: Der schleswig-holsteinische Landtag beschließt einstimmig die Einführung der neuen Rechtschreibung an den 1200 Schulen des Landes, um die „sprachliche Isolation“ der schleswig-holsteinischen Schüler zu beenden. Damit wird der Volksentscheid vom September 1998 außer Kraft gesetzt.

6. Oktober: In einer öffentlichen Anhörung im Bildungsausschuss des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern tragen die Volksinitiative „Wir stoppen die Rechtschreibreform“ und Prof. Dieter Nerius ihre Stellungnahmen vor. Die Initiative kündigt ein Volksbegehren an.

1. November: Die Schulen in Schleswig-Holstein unterrichten nach der neuen Regelung.

17. November: In Mecklenburg-Vorpommern lehnt der Landtag eine zweite Volksinitiative „Wir stoppen die Rechtschreibreform“ ab.

25. November: Ein Vater von drei schulpflichtigen Kindern in Schleswig-Holstein scheitert vor dem Bundesverfassungsgericht mit seiner Beschwerde gegen die Einführung der neuen Rechtschreibung an den Schulen. Das Gericht nimmt die Beschwerde aus formalen Gründen nicht an. • Das Verwaltungsgericht Schleswig beurteilt die Aufhebung des Volksentscheids gegen die Rechtschreibreform durch den schleswigholsteinischen Landtag als rechtmäßig.

 

2000

1. Januar: Fünf Monate nach den meisten anderen Zeitungen stellen das Westfalenblatt, der Rheinische Merkur und die VDI Nachrichten auf die neue Rechtschreibung um.

14. Februar: Der Staatsgerichtshof von Bremen erklärt ein Volksbegehren der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ für zulässig.

13. März: Das geplante Volksbegehren in Bremen wird abgesagt, da die Parteien das von der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ geforderte Versprechen, „zukünftige Volksentscheide zu respektieren und unangetastet zu lassen“, nicht abgegeben haben.

Ende März: Die Zwischenstaatliche Kommission legt ihren zweiten Bericht vor. Wegen der Ablehnung der Revisionsvorschläge vom Dezember 1997 durch die Kultusministerkonferenz habe sie sich zunächst darauf beschränken müssen, für die einheitliche Umsetzung der neuen Regeln in den Wörterbüchern zu sorgen. Die Kommission hofft, nach Ablauf der Übergangszeit eine neue Chance zur „Optimierung der Neuregelung“ zu bekommen.

2. Mai: Die Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ in Bremen entschließt sich doch noch zur Fortsetzung der Unterschriftensammlung gegen die neue Rechtschreibung.

15. Mai: Als eine der letzten deutschsprachigen Tageszeitungen stellt die Neue Zürcher Zeitung auf die neue Rechtschreibung um, allerdings mit etlichen Abweichungen im Detail (z.B. Beibehaltung der Einzelwortschreibungen behende, Gemse, Greuel, greulich, Quentchen, Stengel; keine Änderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung, wenn dadurch inhaltliche Differenzierungen verloren gehen [deshalb zwar Rad fahren, Kopf stehen usw., aber weiterhin sitzen bleiben vs. sitzenbleiben, schlecht machen vs. schlechtmachen, frisch gebacken vs. frischgebacken, allein stehend vs. alleinstehend usw.; ebenso Beibehaltung der Schreibungen irre werden, groß/klein schreiben, sogenannt, vielsagend, nichtssagend, Handvoll]; Ablehnung der Großschreibung von Acht geben, sich in Acht nehmen, außer Acht lassen, sein Eigen nennen, sich zu Eigen machen, Leid tun, Not tun, Feind/Spinnefeind sein; Ablehnung der Kleinschreibung von gegen unbekannt, jenseits von gut und böse, an … statt, hungers, du/ihr). Wo die alten Schreibungen weiterhin zugelassen bleiben, hält die Neue Zürcher Zeitung an ihnen fest; im Einzelfall inne werden geht sie jedoch sogar über die Neuregelung hinaus (Getrenntschreibung wegen inne sein).

25. Juli: Die Tageszeitung Die Welt meldet unter Berufung auf den Reformkritiker Theodor Ickler, die Zwischenstaatliche Kommission plane „tief greifende“ Änderungen an der Reform, die in der im August erscheinenden Neuauflage des Duden bereits berücksichtigt seien. • Noch am selben Tag wird diese Meldung von der Zwischenstaatlichen Kommission, vom Dudenverlag und von der Kultusministerkonferenz dementiert: Es gehe lediglich um die Korrektur einzelner Duden-Schreibungen, die auf eine vom amtlichen Regelwerk abweichende Interpretation zurückzuführen waren.

29. Juli: Der Reformkritiker Friedrich Denk gründet eine „Initiative für vernünftige Rechtschreibung“, die „allgemein überzeugende Argumente für die Überlegenheit der reformierten Rechtschreibung“ mit einem Preisgeld von 10.000 DM honorieren will.

August: Theodor Ickler veröffentlicht ein auf der alten Regelung basierendes, jedoch wesentlich liberaler gefasstes Rechtschreibwörterbuch.

1. August: Die Behörden der Europäischen Union stellen auf die neue Schreibung um.

• Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kehrt zur alten Rechtschreibung zurück, da sich die Neuregelung nicht bewährt habe.

11. August: Theodor Ickler wiederholt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Behauptung, der neue Duden weiche „in wesentlichen Punkten von der amtlichen Vorlage ab“ und befinde sich – wie die Zwischenstaatliche Kommission – auf dem Weg zu einer Korrektur der Reform.

17. August: Die Zwischenstaatliche Kommission dementiert in einer Presserklärung, dass sie „hinter dem Rücken der Kultusminister eine heimliche Reform der Reform über die Wörterbücher“ durchführe; vielmehr hätten sich die Wörterbuchverlage unter Mithilfe der Kommission lediglich auf eine „einheitliche Auslegung der amtlichen Regeln“ geeinigt.

19. August: Die Gegner der Neuregelung wenden sich in sechs deutschen Zeitungen mit einem ganzseitigen Inserat „Sieben Argumente für die Rücknahme der Rechtschreibreform“ an die Öffentlichkeit.

25. August: Die 22. Auflage des Rechtschreib-Dudens erscheint. Sie enthält – wie das Bertelsmann-Wörterbuch von 1999 und entgegen den Beteuerungen der Zwischenstaatlichen Kommission – eine Reihe von Schreibungen, die sich aus dem amtlichen Regelwerk nicht ableiten lassen (z.B. das ist mir wurst, Telto-wer; Zulassung von die Mass [bayr.], fruchtbringend, schaudererregend, schwerbehindert, vielsagend [aber nur nichts sagend], Blut reinigend, Blut stillend, morgen Früh; abweichend vom Bertelsmann auch ehrfurchtgebietend, erholungsuchend, kostensparend, musikliebend, wasserabweisend usw.).

1. Oktober: Der Deutsche Hochschulverband (Berufsvertretung der Professoren und Privatdozenten an den deutschen Universitäten) kehrt mit der Zeitschrift Forschung & Lehre und dem gesamten Schriftverkehr zur bisherigen Rechtschreibung zurück.

3. Oktober: Zum Tag der deutschen Einheit fordert die „Initiative für vernünftige Rechtschreibung“ auch eine „Rückkehr zur Einheit der deutschen Schriftsprache“ („Münchner Appell“, unterzeichnet u.a. von Theodor Ickler, Matthias Dräger, Christian Meier, Siegfried Lenz, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek, Günter Kunert und Reiner Kunze).

4. Oktober: Der Landtag von Baden-Württemberg lehnt einen Antrag der Republikaner auf „Rücknahme aller Verordnungen betreffend die Einführung der neuen Rechtschreibung“ mit großer Mehrheit ab.

5. Oktober: Die deutsche Kultusministerkonferenz beauftragt die Zwischenstaatliche Kommission, bis Ende 2001 einen Bericht über die praktischen Erfahrungen mit der Reform vorzulegen. Die Arbeit der Kommission soll, wie schon im Februar 1998 vorgeschlagen, von einem Beirat aus Vertretern verschiedener Verbände und Institutionen begleitet werden (PEN-Zentrum Deutschland, Verband deutscher Schriftsteller in der IG Medien, Deutscher Journalistenverband, Bundesverband deutscher Zeitungsverleger, Verband deutscher Zeitschriftenverleger, Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen, Börsenverein des deutschen Buchhandels, VdS Bildungsmedien, Bundeselternrat, Deutscher Gewerkschaftsbund, Deutscher Beamtenbund, Deutsches Institut für Normung, Dudenredaktion, Bertelsmann-Lexikonverlag, Wahrig-Wörterbuchredaktion).

 

2001

8. Februar: Konstituierende Sitzung des „Beirats für deutsche Rechtschreibung“ in Mannheim. Österreich und die Schweiz lehnen den Beirat ab und tragen ihn nicht mit.

Dezember: Die Zwischenstaatliche Kommission legt ihren dritten Bericht vor. Darin beschreibt sie zunächst auf der Grundlage von Befragungen und empirischen Erhebungen, „wie die neue Rechtschreibung in Schulen und Behörden sowie in nichtstaatlichen Bereichen (Printmedien, Büchern, Wörterbüchern, Film, Fernsehen, Wirtschaft, Werbung, Software u.a.) umgesetzt wird“. Ihr Fazit: Alles in allem sei die Umstellung problemlos erfolgt. Im zweiten Teil des Berichts werden dann einige ausgewählte Bereiche der Getrennt- und Zusammenschreibung (Verbindungen mit Partizipien, Verbindungen aus Substantiv + Verb, Präpositionalgruppen) sowie der Groß- und Kleinschreibung (Verbindungen aus Adjektiv + Substantiv, adjektivische Ableitungen von Eigennamen) diskutiert, wobei sich die Kommission jedoch auf das Vortragen von Pro- und Kontra-Argumenten beschränkt; konkrete Änderungsvorschläge sollen erst wieder im vierten Bericht Ende 2003 gemacht und dann möglichst bis zum Ende der Übergangsfrist (31. Juli 2005) in staatliche Verordnungen umgesetzt werden.

 

 

 

 

Literatur

 

Augst, Gerhard / Strunk, Hiltraud: „Wie der Rechtschreibduden quasi amtlich wurde“. In: Muttersprache 98 (1988), S. 329–344.

Birken-Bertsch, Hanno / Markner, Reinhard: Rechtschreibreform und Nationalsozialismus. Ein Kapitel aus der politischen Geschichte der deutschen Sprache. Göttingen (Wallstein) 2000.

Bund für vereinfachte rechtschreibung: Chronik. Ein paar stichworte und jahreszahlen zur reformgeschichte. http://www.sprache.org/bvr/bnchron1.htm

Frankfurter Allgemeine Zeitung (Hrsg.): Die Reform als Diktat. Zur Auseinandersetzung über die deutsche Rechtschreibung. Frankfurt (Frankfurter Allgemeine Zeitung) 2000.

Garbe, Burckhard (Hrsg.): Die deutsche rechtschreibung und ihre reform 1722–1974. Reihe Germanistische Linguistik 10. Tübingen (Niemeyer) 1978.

Ickler, Theodor: Die sogenannte Rechtschreibreform. Ein Schildbürgerstreich. St. Goar (Leibniz) 1997.

Ickler, Theodor: Kritischer Kommentar zur „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ mit einem Anhang zur „Mannheimer Anhörung“. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Erlanger Studien 116. Erlangen/Jena (Palm & Enke) 1999.

Ickler, Theodor: Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform. St. Goar (Leibniz) 2001.

Jansen-Tang, Doris: Ziele und Möglichkeiten einer Reform der deutschen Orthographie seit 1901. Historische Entwicklung, Analyse und Vorschläge zur Veränderung der Duden-Norm, unter besonderer Berücksichtigung von Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion. Europäische Hochschulschriften I/1033. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1988.

Schaeder, Burkhard: „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung – Chronik der laufenden Ereignisse (Stand März 1999)“. In: Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Beiträge zu ihrer Geschichte, Diskussion und Umsetzung. Hrsg. von Burkhard Schaeder. forum Angewandte Linguistik 35. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1999. S. 11–33.

Scheuringer, Hermann: Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 4. Wien (Edition Praesens) 1996.

Scheuringer, Hermann: „Letzte Zwistigkeiten ums Reförmchen. Zur öffentlichen Debatte über die Rechtschreibreform nach dem Abschluss der Wiener Gespräche“. In: Sprachnormung und Sprachplanung. Festschrift für Otto Back zum 70. Geburtstag. Hrsg. von Heiner Eichner, Peter Ernst und Sergios Katsikas. 2., verbesserte Auflage. Wien (Edition Praesens) 1997. S. 409–418.

Scheuringer, Hermann: „Auf den Schlips getreten. Zur Perpetuierung einer öffentlichen Erregung“.

In: Die Rechtschreibreform. Pro und Kontra. Hrsg. von Hans-Werner Eroms und Horst Haider Munske. Berlin (Schmidt) 1997. S. 197–204.

Strunk, Hiltraud: Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen. Entstehungsgeschichte und politischinstitutionelle Innenansichten gescheiterter Rechtschreibreformversuche von 1950 bis 1965. Theorie und Vermittlung der Sprache 16. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1992.

Strunk, Hiltraud: „‚Gab es etwas einzustampfen?‘ Bemühungen des Reichserziehungsministers Rust um eine Rechtschreibreform während des Dritten Reiches“. In: Der Deutschunterricht 50 (1998), Heft 2, S. 90–95.

Zabel, Hermann (Hrsg.): Der gekippte Keiser. Dokumentation einer Pressekampagne zur Rechtschreibreform. Bochum (Brockmeyer) 1989.

Zabel, Hermann (Hrsg.): Keine Wüteriche am Werk. Berichte und Dokumente zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Hagen (Padligur) 1996.

Zabel, Hermann (Hrsg.): Widerworte. „Lieber Herr Grass, Ihre Aufregung ist unbegründet“. Antworten an Gegner und Kritiker der Rechtschreibreform. Aachen/Lichtenau (Shaker/AOL) 1997.

Zimmer, Dieter E.: „Chronik der Rechtschreibregelung“. In: Neue Rechtschreibung in der ZEIT. ZEITdokument 1/1999. Hamburg (Zeitverlag). S. 38–40.

 

Zu Michael Schneider, Gießen, siehe auch http://schneid9.de/sprache.html